Bayerns befreiender Sieg

Aus der Krise wachsen

von Redaktion

HANNA RAIF

Wenn Stefan Effenberg in dieser Situation die Stimme erhebt, spricht er aus Erfahrung. Als der FC Bayern in der Saison 2001/02 zum bisher letzten Mal mehr als vier Bundesliga-Spiele am Stück sieglos blieb, war der heute 54-Jährige mittendrin statt nur dabei. Nach der siebten Partie – einer 1:5-Klatsche auf Schalke – wagte es der damalige Kapitän sogar als Erster, Trainer Ottmar Hitzfeld anzuzählen. In der Woche danach gelang der befreiende Sieg – ausgerechnet gegen Leverkusen.

Vor der gestrigen Partie gegen Bayer wurde Effenberg wieder zitiert. Der Satz, der diesmal im Gedächtnis blieb, betraf nicht Hitzfeld, sondern dessen 12. Nachfolger Julian Nagelsmann. Der nämlich „sollte die Situation nicht unterschätzen“, riet Effenberg, denn: „Drei Punkte aus vier Spielen – das darfst du dir bei dem Club nicht oft erlauben.“ Seit Freitagabend und dem 4:0 gegen Leverkusen steht der Coach immerhin bei sechs Punkten aus fünf Spielen. Tendenz also: aufsteigend. Aber hat der Erfolg an der Grundsituation etwas geändert?

Die Bayern in den vergangenen Wochen zu beobachten, hatte doch etwas Aufschlussreiches. Wahre Größe zeigt sich in schlechten Zeiten, sagt man ja gerne. An der Säbener Staße – und vor allem im Trainerbüro – hatte man aber den Eindruck, als müsse der Umgang mit einer Krise dieser Dimension erst noch einstudiert werden. Es geht vielleicht zu weit, Nagelsmann, 35, als „Trainer-Azubi“ zu bezeichnen, wie es mancher Experte zuletzt getan hat. Trotzdem hat der Coach – da halfen auch warme Worten aus der Vorstandsetage nur bedingt – einsehen müssen, dass der Job in München ein anderes Profil erfordert als in Hoffenheim und auch in Leipzig. Misserfolg wurmt immer, verlieren macht keinen Spaß. An keinem anderen Standort aber geht es so schnell ums Grundsätzliche wie beim FC Bayern.

Die Diskussionen sind nun deutlich leiser, der gelungene Start in den 13-Spiele-Marathon in sechs Englischen Wochen bringt die so dringend benötigte Ruhe. Trotzdem war der Sieg – so souverän er auch herausgespielt wurde – nicht mehr als ein Befreiungsschlag. Für eine echte Trendwende muss mehr passieren – auf wie neben dem Platz darf man weiter beweisen, aus der Krise gewachsen zu sein. Und Nagelsmann sollte auch wissen, dass diese Negativ-Serie zwischen Spieltag vier und sieben ihn die gesamte Saison irgendwie begleiten wird. Effenberg weiß, warum: 2001/02 standen die Bayern am Ende auf Platz drei, zwei Punkte hinter Meister BVB.

hanna.raif@ovb.net

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