Alper Kayabunar (36) ist Türkgücü durch und durch. Seit 2014 arbeitete er erst im Jugendbereich des Vereins, wurde Co-Trainer der ersten Mannschaft und übernahm diese in der letzten Saison für vier Spiele als Interimstrainer. Nach Türkgücüs Insolvenz leitet er nun den Wiederaufbau der Mannschaft in der Regionalliga. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Kayabunar über seine besondere Beziehung zu „seinem“ Türkgücü, seine Lehren aus der Leidenszeit im letzten Jahr und darüber, wie aus dem Perlacher Albtraum ein Fußballwunder wurde.
Herr Kayabunar, was macht mehr Spaß: Interimstrainer in einer Seuchen-Saison in der 3. Liga oder ein gefestigter Job als Cheftrainer in der Regionalliga?
(lacht) Eine schwierige Frage. In der 3. Liga zu trainieren, Spiele gegen Mannschaften wie Kaiserslautern im Olympiastadion zu betreuen, war ein Super-Erlebnis. Jetzt ist es anders. Ich kann mit einem eigenen Team meine eigenen Ideen durchsetzen. Das macht Spaß. Beides ist irgendwie cool.
Türkgücü steht nach 13 Spieltagen auf Platz sieben. Zufrieden?
Mittlerweile sehr. Das war zu Saisonbeginn anders: Da stimmte zwar die Spielweise, die Punktausbeute aber nicht. Dieses Ungleichgewicht haben wir in den Griff bekommen und können mit dem stabilen Punktepolster auf die Abstiegsränge zufrieden sein. Gerade nach der schweren Zeit zuvor.
War der Start nach der Insolvenz Türkgücüs im März wie Balsam auf Ihre geschundene Fußballer-Seele? Konnten Sie besser mit dem Drittligaklub Türkgücü abschließen?
Puh… Um ehrlich zu sein, will ich mit der Vergangenheit gar nicht abschließen, das gehört für mich alles zusammen. Der Verein, dem ich schon seit Jahren angehöre, ist immer noch der gleiche. Ich war bei Türkgücü vor dem Aufstieg in den Profifußball und bin auch danach noch da. Die Art und Weise, wie das im Frühjahr gelaufen ist, ist sicher bitter. Aber der Verein hat jetzt wieder eine richtige, eine gesunde Richtung eingeschlagen.
Aber gerade weil Sie den Verein so verinnerlicht haben, muss das letzte Jahr doch sehr schmerzhaft gewesen sein.
Ja. Die Zeit hat mir brutal wehgetan. Am Tag, als uns der Klub zugesperrt wurde, war ich noch auf dem Vereinsgelände und musste mit ansehen, wie Türkgücü einzelnen Personen total egal war. Die haben sich in den letzten Wochen nur noch ins Schaufenster gestellt und waren bemüht, schnell einen neuen Arbeitgeber zu finden. Das verstehe ich einerseits. Aber für mich, der schon seit Jahren dabei ist, war es ein Stich ins Herz, zu sehen, wie sich einige gar nicht mehr für den Verein eingesetzt haben. Obwohl sie genau bei diesem Verein erst groß wurden.
Haben Sie noch viel Kontakt zu den ehemaligen Kollegen bei Türkgücü?
Ja, zu fast allen. Auf der Wiesn habe ich Aaron Berzel und Tim Rieder getroffen. Mit den Ex-Spielern sowieso, die schauen regelmäßig zu oder schreiben mir, wenn wir gewinnen. Auch zu Peter Hyballa und Alexander Schmidt, meinen ehemaligen Cheftrainern, habe ich viel Kontakt. Das freut mich sehr.
Zwischenzeitlich sah es ziemlich düster für Sie aus. Andreas Heraf, der zum Jahreswechsel Trainer wurde, strich Sie aus dem Trainerteam. Wissen Sie mittlerweile, wieso?
Nein. Wie er mit mir umgegangen ist, war nicht fair. Niemand im Verein hat diese Entscheidung verstanden –immerhin war ich der Einzige, der richtig wusste, wie Türkgücü tickt. Er war der erste Trainer, der mit mir als Co-Trainer ein Problem hatte. Das war genau in dieser Situation besonders bitter, weil ich so ziemlich als Einziger nicht wegen des Geldes bei Türkgücü war. Ich war dann wieder bei der U19, bin mit denen durch die Landesliga getourt. Überall mussten wir uns beleidigen lassen, „Drecksverein“, „Pleitegeier“ hieß es dann. Das war übel. Jeder hat uns gewünscht, dass wir komplett zugrunde gehen. Aber umso schöner ist es jetzt, dass wir erfolgreich sind und nach 13 Spieltagen vor Mannschaften wie Schweinfurt und Bayern II stehen.
Welches Standing hat Türkgücü innerhalb der Regionalliga mittlerweile?
Ein besseres. Auch zu Saisonbeginn gab es noch Anfeindungen, aber mittlerweile haben wir durch unser bescheidenes Auftreten gepaart mit ordentlichen sportlichen Leistungen vieles wiedergutgemacht. Die Leute merken, dass der Verein einen anderen Weg eingeschlagen hat, nicht mehr der Geld-Klub von früher ist.
Am Montag steht das Duell mit Unterhaching an. Manni Schwabl sagte noch im Mai, er wolle am liebsten zweimal nicht gegen Türkgücü spielen.
Das hat mich zu besagtem Zeitpunkt nicht überrascht, wir mussten uns viele ähnliche Dinge anhören. Ich weiß aber auch nicht, wie Schwabls heutige Meinung über uns ist. Vielleicht hat bei ihm auch ein Umdenken stattgefunden.
Welche Lehren haben Sie gezogen? Haben Sie den Anspruch, nach der Insolvenz nun auch über Kosten Bescheid zu wissen, um einschätzen zu können, ob der Klub sich nicht doch wieder finanziell übernimmt?
Nein. Als Angestellter dieses Vereins habe ich auch keine andere Wahl. Wenn man ehrlich ist, ist es einem Spieler oder Trainer doch egal, woher das Geld kommt oder wofür es verwendet wird. Die Hauptsache ist, man bekommt am Ende des Monats sein Gehalt.
Es gibt Spieler, die die Entscheidung, zu einem Einzelinvestoren-Klub wie Türkgücü zu wechseln, im Nachhinein bereuen. Haben Sie Verständnis dafür?
Na ja… Fakt ist, egal was die Leute sagen: Geld regiert die Welt und wenn das Geld stimmt, kommen die Spieler automatisch. Ich bin sicher, dass viele ein vergleichbares Angebot noch einmal annehmen würden, auch bei einem Investorenklub. Viele Spieler geben sich nach außen gerne so, als würden sie nicht aufs Geld achten. Aber das ist nur Fassade.
Viele haben den Fall Türkgücü als weiteren Beweis dafür gesehen, dass Investoren sich aus dem Fußball raushalten sollten. Wie sehen Sie das?
Da stimme ich grundsätzlich zu. Das ist ein Problem. Auf der anderen Seite haben allerdings viele Vereine in den niedrigen Ligen massive Geldsorgen. Auch hier kann ich mir nicht vorstellen, dass es viele Vereine gäbe, die einen solchen Investor ablehnen und ethische Prinzipien höherstellen als wirtschaftliche Interessen. Das ist eine Zwickmühle, in der sich die meisten Klubs für das Geld entscheiden würden.
Zurück zum Sportlichen: Läuft es so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
Nein, viel besser als gehofft. Wir wussten ja bis eine Woche vor Saisonstart nicht, ob wir wirklich die Lizenz bekommen und in der Regionalliga spielen dürfen. Erst als der Spielplan öffentlich wurde, auf dem wir auch aufgeführt waren, war ich mir siche. Bis dahin war es für das härteste, was ich im Fußball nie erlebt habe. Kaderplaner Roman Plesche und ich, wir hatten so viel Arbeit für den Wiederaufbau in diese Mannschaft gesteckt… Hätten wir dann nicht starten dürfen, wäre ich daran kaputtgegangen. Aber der Fall ist ja Gott sei Dank nicht eingetreten.
Und so wurde aus dem Albtraum des Frühjahrs ein richtiges Fußballmärchen?
Ja, zu 100 Prozent. Wie gesagt lief nicht alles immer reibungslos. Auch sportlich mussten wir schon fünf Niederlagen hinnehmen. Aber im Unterschied zum letzten Jahr ist der Verein dann ruhig geblieben. Das kannte ich als Trainer ja noch gar nicht. (lacht) Aktuell ist es echt schön, Trainer bei Türkgücü zu sein. Wie der Abstieg zustande kam, war Mist. Aber aus der heutigen Sicht ist es echt ein Glücksfall, dass sich Türkgücü gezwungenermaßen so entwickeln konnte.
Interview: Jacob Alschner