Grummeln im Wintersport

von Redaktion

Der Bund hat die Fördergelder beschlossen – die Verbände sind nicht zufrieden

VON MATHIAS MÜLLER, HANNA RAIF UND THOMAS JENSEN

München – Quo vadis, Spitzensport? Die Frage, wie Athleten in Deutschland gefördert werden sollen, wird seit Jahrzehnten mal mehr, mal weniger heftig diskutiert. Im Sommer entzündete Sprinterin Gina Lückenkemper mit ihrer Kritik am System – ihr Kernpunkt: Geld gibt es erst, wenn man etwas gewonnen hat –, das schwelende Feuer neu. Allerdings: nicht jeder war ihrer Meinung. Es herrscht keineswegs Einigkeit, auch nicht Wochen danach. Während die Vereinigung Athleten Deutschland auf mehr gesellschaftlichen Wert des Sports in der Breite pocht, forderten die Landessportbünde, sich gezielter auf weniger Sportarten zu konzentrieren.

Eigentlich hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vor sechs Jahren eine neue Leistungssportreform beschlossen, um dem Medaillen-Negativtrend bei Olympia entgegenzuwirken. Doch die wurde erstens bisher nicht vollständig umgesetzt und zweitens krankt ausgerechnet das Herz, das Potenzialanalysesystem (PotAS), seit seiner Einführung. Kürzlich haben der DOSB und das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) die neuen Fördersummen für die sieben Wintersportverbände (Bob und Rodel, Curling, Eishockey, Eislauf, Eisschnellauf, Ski und Snowboard) bekannt gegeben. Die Gesamtsumme für 2023 beläuft sich auf etwa 6,17 Millionen Euro und liegt damit auf Vorjahresniveau.

Für völlige Zufriedenheit sorgt das nicht. „Im Bereich Maßnahmen haben wir einen Aufwuchs erhalten, den wir aber auch brauchen. Im Bereich Personal und Leistungssport allerdings haben wir nicht mehr Geld zur Verfügung, obwohl wir es bräuchten, Das wird uns nicht reichen“, sagt Thomas Schwab, Boss im Bob- und Rodelverband (BSD), unserer Zeitung. Die Folge: Die Trainer müssen voraussichtlich auf ihre Prämien verzichten, offene Stellen im Skeleton können nicht besetzt werden. „Hier hätten wir uns mehr gewünscht. Das ist nicht zufriedenstellend“, so Schwab. Zumal die Skeletonis bei den vergangenen Olympischen Winterspielen in Peking mit zweimal Gold, einmal Silber und einem vierten Platz in nur zwei Rennen mehr als ablieferten.

Was dem 60-Jährigen weiter sauer aufstößt: „Das System der Fördergelder an sich ist für mich zu starr.“ Da sich sieben Wintersportverbände die rund sechs Millionen Euro teilen müssen, müsste man es anderen nehmen, um den BSD zu bedienen. „Wir wünschen uns da grundsätzlich mehr Transparenz zum Sommersport, wo ja 32 Verbände organisiert sind. Man müsste ganz Sport-Deutschland bedienen, um das System gerecht zu halten. Dieses Feedback geben wir – ohne Randale machen zu wollen – natürlich weiter.“

Die Entscheidung, wer wie viel Geld bekommt, fällt durch Strukturgespräche zwischen den Verbänden und dem DOSB, in erster Linie aber durch das PotAS-System. Die Verbände müssen darin 130 Fragen, aufgeteilt in 13 Hauptattribute und 36 Unterattribute, beantworten. Das Attributesystem bewertet in den Rubriken vergangene Erfolge, sportliches Potenzial und strukturelle Bedingungen. Letztere ist besonders unbeliebt, weil kompliziert.

Für Dr. Franz Steinle ist das ganze System ohnehin viel zu komplex. „Der Aufwand zum Erstellen der geforderten Unterlagen ist nach wie vor immens und bindet bei allen beteiligten Parteien enorme Kapazitäten“, urteilt der Präsident des Deutschen Skiverbands. „Hier besteht mit Blick auf die Effizienz des gesamten Prozesses ein gewisser Optimierungsbedarf.“

Mit der zugesprochenen Summe zeigt sich Steinle einverstanden, sie decke sich sich „grundsätzlich mit unserer verbandsinternen Einschätzungen“. In Peking steuerte der DSV immerhin elf von insgesamt 27 Medaillen bei und leistete laut Steinle „einen wesentlichen Beitrag“.

In den Disziplinen Buckelpiste und Aerials spielte man keine große Rolle. Die daraus resultierende geringere Unterstützung kann der 72-Jährige nicht nachvollziehen: „Diese beiden olympischen Sportarten können von uns nicht zuletzt aus finanziellen Gründen nicht adäquat gefördert werden. Die negative Bewertung des Potentials in diesen Bereichen liegt demzufolge auf der Hand und kann uns nicht angelastet werden“, so Steinle. „Wenn eine solche Teil-Bewertung, wie nun geschehen, zu einer signifikanten Verschlechterung der Gesamt-Beurteilung führt, dann ergibt das aus unserer Sicht ein schiefes Bild, das dem Leistungspotential des DSV nicht voll umfänglich gerecht wird.“

Auch bei Snowboard Germany ist man trotz bisher „konstruktiven Verhandlungen“ noch nicht zufrieden: „Die mitgeteilten Ergebnisse der Förderkommission entsprechen nur bedingt dem finanziellen Bedarf einer positiven Entwicklung für die kommenden vier Jahre“, erklärt Präsident Michael Hölz. Der 72-Jährige appelliert, auch im Hinblick auf die aktuell rasant steigenden Kosten für den Wintersport, diese zugebilligte Summe zu erhöhen. „Für die gemeinsame Zielsetzung aller Parteien bei kommenden Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen und um international konkurrenzfähig zu bleiben, ist die Bundesmittelförderung und deren Anpassung die wichtigste Grundlage.“

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