Vom Schweiger zum Vulka(h)n

von Redaktion

Das steckt hinter der Wandlung des Bayern-Vorstandschefs

VON MANUEL BONKE

München – Oliver Kahn (52) ist ein moderner CEO, wie er am vergangenen Sonntag erneut unter Beweis stellte. Als die Diskussion um den Kopftritt des Dortmunders Jude Bellingham (19) gegen Alphonso Davies (21) im Doppelpass auf Sport 1 in vollem Gange war – Schiedsrichter Deniz Aytekin (44) befand sich ebenfalls unter den Gästen –, schaltete sich der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern ein. Während Ehrenpräsident Uli Hoeneß (70) bekanntlich gerne zum Telefonhörer greift, um seine Sicht der Dinge in der Fußballtalk-Sendung darzulegen, bevorzugt Kahn moderne Kommunikationskanäle wie den Kurznachrichtendienst Twitter.

Als Schiedsrichter Aytekin die Entscheidung, den bereits mit Gelb verwarnten Bellingham nach dem Tritt nicht mit Gelb-Rot vom Platz zu stellen, in der Sendung erklärt hatte („Von uns Schiedsrichtern wird ja auch immer eine gewisse Empathie und ein Gefühl für die Situation erwartet“), twitterte Kahn: „Wo war denn die Empathie von Denniz Aytekin bei der Gelb-roten Karte für Kingsley Coman?“ Das wurde umgehend in die Diskussion mit aufgenommen.

Twitter-Kritik von oberster Bayern-Stelle gab’s nach dem späten 2:2-Ausgleichstreffer in Dortmund jedoch auch für die Spieler des deutschen Rekordmeister. „Ein verrücktes Fußballspiel mit einem frustrierenden Ende für uns. Wir haben uns dieses Remis selbst zuzuschreiben, denn wir hätten das Spiel früher entscheiden können oder eben konsequenter verteidigen müssen“, schrieb der ehemalige Welttorhüter und packte das Video seines Ausrasters auf der Tribüne mit in den Beitrag.

Der Titan brüllt nun auch als Vorstandsvorsitzender. In seinem ersten Jahr als CEO mied es Kahn, sowohl intern als auch extern laut zu werden. Er wollte den deutschen Rekordmeister zwar nicht weniger souverän, aber leiser führen als es die Granden Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge (67) in den Jahrzehnten zuvor taten. Für diesen Führungsstil musste Kahn Kritik einstecken. In den vergangenen Monaten wurde ihm bewusst, dass er als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern greifbar sein muss. Sein Motto: Wenn es etwas zu sagen gibt, dann wird Kahn das auch tun.

Das kommt auch Trainer Julian Nagelsmann (35) entgegen, der in der vergangenen Saison regelmäßig zu unangenehmen Themen (Impf-Debatte, Jahreshauptversammlung, Wechsel-Theater um Robert Lewandowski etc.) abseits des sportlichen Geschehens äußern musste. Daraufhin gab es eine Unterredung zwischen Kahn, Nagelsmann und Sportvorstand Hasan Salihamidzic (45), bei der die Rollenverteilung in der Öffentlichkeit klar definiert wurde. Auf den Tisch haut Kahn trotzdem nur, wenn er das Gefühl hat, dass sein Vertrauen missbraucht wird. Oder wenn er das Gefühl hat, dass die Münchner Spieler in der Öffentlichkeit schlecht behandelt werden.

Ein Vulka(h)nausbruch wie am Wochenende wird trotzdem nicht die Regel werden, wie Kahn bereits im Juli in unseren Interview versicherte: „Wenn du als Vorstandsvorsitzender fürs große Ganze verantwortlich bist, hast du deine Emotionen besser im Griff. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gab es in den zweieinhalb Jahren, die ich nun wieder beim FC Bayern bin, kaum eine Situation, bei der ich das Gefühl hatte, ich müsste jetzt aus der Haut fahren.“ In Dortmund war es erstmals anders.

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