Nathalie Pohl zählt zu den besten Freiwasserschwimmerinnen der Welt. Ende August bezwang Pohl den Kaiwi-Kanal bei Hawaii, 47 Kilometer in 15:05 Stunden. Es war die fünfte von sieben Etappen der „Ocean’s Seven“, hier werden sieben Meerengen durchschwommen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die 27-Jährige über Dunkelheit auf dem Wasser, eine Begegnung mit der Portugiesischen Galeere und Schutz für die Unterwasserwelt.
Nathalie Pohl, wie lange haben Sie gebraucht, um sich vom Kaiwi-Kanal zu erholen?
Der Pazifik war super salzig, das hat die Schleimhäute sehr angegriffen. Ich konnte drei, vier Tage nichts essen und nicht gut schlucken. An andere Schmerzen wie an der Schulter beim Schwimmen habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt, das ist nichts Besonderes mehr. Es dauert auf jeden Fall eine Woche, bis man wieder richtig fit ist.
15 Stunden im Wasser, woran denkt man da?
Es gibt immer unterschiedliche Phasen, die man durchlebt. In den ersten Stunden ist die Freude sehr groß, dass man jetzt endlich schwimmen kann. Ich wollte letztes Jahr schon in Hawaii starten, da musste ich es absagen. Deshalb war ich echt froh, dass alles geklappt hat. Wir sind um 17.10 Uhr (Ortszeit) ins Wasser gegangen, um 8:15 Uhr am nächsten Tag bin ich am Ziel angekommen. Es war also elf Stunden dunkel. Im Dunkeln muss man sich extrem konzentrieren. Als Orientierung hatte ich nur das Kajak, das weit vorgefahren ist, damit das Wasser ruhiger ist und keine Haie durch das Licht angelockt werden. Ich muss immer fokussiert sein, auch über 15 Stunden. Man darf sich nicht in Gedanken verlieren, das kann gefährlich werden.
Der Kopf schwimmt also auch immer mit.
Der mentale Aspekt ist mindestens genauso wichtig wie der körperliche. Egal, wo ich schwimme, ich spiele das in meinem Kopf vor dem Start alles 40, 50 Mal durch.
47 Kilometer und über 50 000 Armzüge, fragt der Körper da nicht mal nach, was hier gerade eigentlich passiert?
Das passiert relativ früh (lacht). So nach sechs, sieben Stunden fragen die Arme nach, wie lange man denn eigentlich noch schwimmen will. Da muss man sich einfach immer wieder daran erinnern, wie viel man dafür trainiert hat und wie viel Arbeit man reingesteckt hat. Ich frage auch nie nach, wie lange ich noch schwimmen muss. Auf dem Ozean können aus einer Stunde durch eine Strömung auch fünf Stunden werden. Ich muss halt so lange schwimmen, bis ich auf der anderen Seite angekommen bin. Alle halbe Stunde gibt es einen kurzen Verpflegungsstopp. Ich hangele mich dann immer von einem Getränk zum nächsten.
Gibt es einen genauen Plan für so eine lange Strecke auf dem Wasser?
Man legt sich im Vorfeld einen Plan zurecht und genauso geht er eigentlich nie auf (lacht). In Hawaii war ich beispielsweise nach zwei Stunden extrem seekrank. Da konnte ich teilweise gar nichts mehr.
Kurz vor dem Ziel sind Sie dann noch mit einer Portugiesischen Galeere aneinandergeraten.
Das waren extrem starke Schmerzen, das fährt durch den ganzen Körper und schnürt einem die Luft ab. Die Art gehört zu den giftigsten Quallen der Welt, das kann auch lebensbedrohlich werden. Ich war schon so weit, zu sagen, dass doch echt alles super geklappt hat, und 500 Meter vor dem Ziel kam dann die Qualle. Ich habe mir gedacht: Jetzt aufzuhören kommt nicht infrage. Wenn ich jetzt auf dem Boot bin, sind die Schmerzen ja weiterhin da.
Was war der schönste Moment? Das Ankommen?
Das Ziel stellt man sich immer spannender vor, als es letztendendes ist (lacht). Man kommt oft an abgelegenen Strandabschnitten an, da ist kein Mensch vor Ort und es gibt auch keinen großen Jubel. Man ist erst mal froh, dass man es geschafft hat. Ein, zwei Tage später kann man dann mal an Party denken. In Hawaii war der Sonnenuntergang natürlich traumhaft, aber am meisten habe ich mich auf den Sonnenaufgang gefreut. Dass man nach elf Stunden Dunkelheit endlich mal wieder was sieht. Schön war aber auch der Sternenhimmel. Ich habe noch nie so viele Sterne gesehen wie dort. Viel Zeit zum Beobachten hatte ich zwar nicht, aber bei der Getränkeaufnahme habe ich immer kurz hochgeschaut.
Wie ist bei Ihnen die Leidenschaft für das Freiwasserschwimmen entstanden?
Ich schwimme, seitdem ich klein bin. Mit fünf habe ich einen Schwimmkurs besucht und seitdem bin ich gefühlt jeden Tag im Wasser. Ich bin jahrelang im Becken geschwommen, habe an deutschen Meisterschaften teilgenommen. Mit 14 habe ich das Buch „Die Eismeerschwimmerin“ geschenkt bekommen. Dort beschreibt Lynne Cox, wie sie durch den Ärmelkanal geschwommen ist. Das fand ich damals unfassbar beeindruckend. Mit 17 habe ich mich dann dazu entschieden, mich komplett auf das Freiwasser zu konzentrieren.
Wie sehen die Trainingsumfänge aus?
In einer normalen Trainingswoche schwimme ich drei Stunden am Tag, dann kommt zwei, drei Mal Krafttraining dazu. Mentaltraining habe ich keins. Ich bin an dem Punkt, an dem ich mich selbst sehr gut kenne. Ich kann mich gut selbst motivieren. In der direkten Vorbereitung, wie jetzt bei Hawaii, können es auch schon mal sechs Stunden pro Tag sein.
Sie engagieren sich auch sozial, wollen unter anderem dem Trend entgegenwirken, dass immer weniger Kinder in Deutschland schwimmen können.
Durch Corona ist das Thema natürlich noch mal deutlicher in den Fokus gerückt. Ich bin da sehr aktiv, seit Kurzem auch Mitgründerin von einem Verein. Wir setzen uns dafür ein, dass wieder mehr Kinder schwimmen lernen. Wenn ein Kind nicht gut in Mathe oder Musik ist, wird das nicht lebensbedrohlich. Wenn Kinder nicht schwimmen können, schon.
Was bedeutet Ihnen das Wasser?
Nach Hawaii konnte ich das Wasser erst mal zwei Wochen nicht sehen. Die Zeit zuvor war einfach zu intensiv. Aber es geht auch einfach nicht ohne. Ich will immer wieder zurück. Das ist der Ort, an dem ich glücklich bin. Ich habe im Wasser schon so viele Momente erlebt, die ich nie wieder vergessen werde. Wenn man dem Element auf diese direkte Weise ausgesetzt ist, merkt man auch viel direkter, wie die Menschen mit der Umwelt umgehen. Da schwimmt so viel Plastik und anderer Müll rum. Wenn man nur mit dem Boot ein bisschen über das Wasser fährt, nimmt man das gar nicht so wahr. Deshalb setze ich mich auch dafür ein, dass diese schönen Orte erhalten bleiben.
Interview: Nico-Marius Schmitz