„Die große Kunst: Jeder wird gebraucht“

von Redaktion

Nürnbergs Co-Trainer Kofler über die Stärke seines Chefs Rowe und das Münchner Eishockey

München – Heute (19.30 Uhr) erwartet der EHC München die Nürnberg Ice Tigers. Bei den Franken mit an der Bande steht einer, der auch Münchner Eishockey-Geschichte miterlebt hat: Manuel Kofler (42). Ein Hingucker ist der Nürnberger Co-Trainer ohnehin.

Manuel Kofler, zuerst müssen wir über Ihre optische Auffälligkeit reden: das Ungetüm von Bart. Steckt dahinter eine besondere Geschichte?

Gar nicht. Ich habe irgendwann angefangen, mir den Bart stehen zu lassen, und meine Frau und meine Kinder finden es gut. Traditionell einmal im Jahr, um den 1. November herum, rasiere ich ihn ab, bin glatt – und lasse ihn dann wieder wachsen.

Was sagen Spieler, die neu ins Nürnberger Team kommen und das erste Mal auf den Co-Trainer treffen, dessen Bart nach vielen Playoffs aussieht?

Ach, es gibt in der Lage einige Bartträger, Cody Lampl in Straubing etwa, bei dem ist der Bart brutal massiv. Bei den Ice Tigers haben wir auch Spieler mit Bart, aber halt bei keinem so lang wie bei mir.

In der Saison 2001/02 haben Sie für die München Barons gespielt. Das war das dritte und letzte Jahr des von der amerikanischen Anschutz Entertainment Group betriebenen Franchise am Standort München. Welche Erinnerungen haben Sie?

Grundsätzlich positive. Ich hatte die Saison in Iserlohn begonnen und bin dann gewechselt. München hatte Verletzungsprobleme, ich kann mich an Spiele erinnern, in denen wir mit zwei, drei Reihen aufgelaufen sind. Trotzdem haben wir es geschafft, die Hauptrunde als Erster abzuschließen und mit dem höchsten Punktestand, der je erreicht wurde. Ich hatte einen Zweijahresvertrag unterschrieben, gewohnt habe ich in Kolbermoor, meinem Heimatort, und bin gependelt, 50 Minuten die einfache Strecke. Und als ich dachte, toll, jetzt bist du wieder daheim, sind wir nach Hamburg verkauft worden. Dann habe ich ein Jahr bei den Freezers gespielt.

Spürte man das in der Barons-Mannschaft, dass es in München zu Ende ging?

Ich war damals relativ jung und hatte mich nicht so tief eingelesen. Beppo Schlickenrieder (Co-Trainer, d. Red.) sagte irgendwann zu mir: „Kofi, die Chancen stehen gut, dass wir verkauft werden.“ Ich konnte das gar nicht so richtig greifen, bis von Max Fedra (Manager, d. Red.) die Botschaft kam, dass wir nach Hamburg umziehen. Jeder musste auf der Geschäftsstelle antanzen und wurde gefragt, ob man den Vertrag auflösen oder mitgehen will. Alle wollten mit, und so waren wir in Hamburg.

Dachten Sie 2002, dass es das für München mit hochklassigem Eishockey war?

Für mich hatte München immer Vereine, ich kann mich an alle erinnern. Hedos, als ich ein Bub war, an die Zeit, als die ganzen Topspieler wie Karl Friesen und Mondi Hilger hingegangen sind. Und Rosenheim – München, diese Derbys, das war was Cooles. Ich habe ja schon mit 17, 18 mit dem EHC Klostersee in München gespielt, beim ESC, der hatte Koryphäen wie Vitus Mitterfellner. München hatte in der vierten Liga 1000 Zuschauer, was für uns Klosterseer eine brutale Kulisse war. Es war immer legendär: Auch wenn in München nicht viele Zuschauer kamen, geboten war immer was. Und wie sie sich in München jetzt aufgebaut haben, ist eine tolle Geschichte: Sie haben jedes Jahr eine überragende Mannschaft, einen großartigen Trainer, sie können Topspieler holen – und so stellt sich der Erfolg ein.

Sie hatten schon zwei Cheftrainerstellen in den unteren Ligen, in Bad Aibling und Rosenheim, in Nürnberg sind Sie Co-Trainer. Ist das Ziel eine Chefstelle in der DEL?

Ich habe definitiv noch zwei Jahre einen Vertrag als Co-Trainer in Nürnberg, das war von Anfang an eine gute Geschichte, ich durfte viel machen und lernen und trage mittlerweile auch Verantwortung. Ja, ich möchte mal in der Liga Headcoach werden, aber ich muss alles genau abwägen – und erst nach den beiden Jahren.

Tom Rowe ist der wievielte Chef, den Sie in Nürnberg erleben?

Der vierte. Ich habe angefangen mit Kurt Kleinendorst, ihn für einige Spiele auch vertreten, hatte Frank Fischöder, für zwei Wochen hat’s dann Manager Stefan Ustorf gemacht, und dann war’s der Tom Rowe.

Rowe ist der älteste Trainer der DEL, er kam mit 65 nach Deutschland und überraschte alle. Was zeichnet ihn aus?

Sein größtes Plus ist, dass er jedem eine Aufgabe gibt, da läuft keiner nebenher. Nehmen wir die Eiszeit für die Spieler: Wir versuchen sie so gut wie möglich aufzuteilen. Die sechs Besten, die Überzahl spielen, könnte man auch in Unterzahl einsetzen, doch wir haben von Anfang an festgelegt, dass 50 Prozent der Spieler im Penaltykilling nicht aus dieser Gruppe kommen. Auch wenn einer in der vierten Reihe spielt, weiß er, er darf Penaltys killen. Wenn jemand bei uns eingesetzt wird, dann nicht nur ein, zwei Minuten, sondern richtig. Es ist eine große Kunst von Tom Rowe, dass jeder gebraucht wird.

Sind die mit interessantesten jungen Spieler gerade in Nürnberg zu sehen?

Danjo Leonhardt ist mit seinen 20 Jahren schon ein vollwertiger Profi, Tim Fleischer hat einen Sprung vom letzten Jahr gemacht, Julius Karrer ist noch U23 und bekommt fast 20 Minuten Eiszeit. Man merkt, wie dankbar sie sind, Vertrauen zu bekommen und zahlen es zurück.

Die Sparzwänge spürt man im dritten Jahr nach dem Ausstieg des Großsponsors Thomas Sabo noch in Nürnberg?

Natürlich. Es kann nur das ausgegeben werden, was da ist, und ich finde das gut.

Interview: Günter Klein

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