Nach den goldenen Spielen von München hatte Emma Hinze nur einen Wunsch: „Ich will nach Hause in mein Bett.“ Sprint, 500-Meter-Zeitfahren, Teamsprint – bei den European Championships im August gelang Hinze der Titel-Hattrick. In welcher Sportart?
Bahnrad, na klar. Hätten Sie es gewusst? Die gebürtige Hildesheimerin fährt wohl immer noch unter dem Radar, obwohl sie zu den erfolgreichsten Sportlerinnen des Jahres zählt. Bei der Weltmeisterschaft rollt der Emma-Express nämlich schon wieder. Zum Auftakt gab es Gold im Teamsprint mit Lea Friedrich und Pauline Grabosch – und einen doppelten Weltrekord. Sechsmalige Weltmeisterin ist Hinze nun, im Alter von 25 Jahren. Die Kurzzeit-Fahrerinnen sind seit 2019 bei Weltmeisterschaften unbesiegt. So dominant, dass die Siege fast schon spielerisch leicht wirken.
Das dem nicht so ist, zeigte sich auch bei der EM in München. „Die Gesamtbelastung hat ihr die Schuhe ausgezogen“, sagt Bundestrainer Jan van Eijden. Hinze weinte und musste sich übergeben. Sie habe „gar nichts essen können, ich hatte gar keine Kraft. Ich habe mir dann Gels reingestopft, die kamen auch wieder raus.“ Im letzten Rennen gab es trotzdem wieder Gold.
Doch es sind nicht nur körperliche Leiden, die Hinze durchmachen musste. Vor den Olympischen Spielen 2021 „hieß es in jedem Interview: ‘Jetzt holst du auch dreimal Gold.‘ Dann war ich so gestresst, dass ich eher Angst hatte, einen Fehler zu machen.“ Hinze sprach mit einer Sportpsychologin darüber – und rast nun wieder unaufhaltsam allen davon. Diese mentale Stärke, keine Nerven zu zeigen und selbst auf diesem Niveau immer noch eine Schippe drauflegen zu können, beeindrucken.
Gemeinsam mit Sprinterin Gina Lückenkemper (zweifaches EM-Gold) und Rodlerin Nathalie Geisenberger (erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin) zählt Hinze auf jeden Fall zu den heißen Anwärterinnen bei der Wahl zu „Deutschlands Sportlerin des Jahres“. Und dann wird erst mal geschlafen.
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