München – Wenn sich eine Person mit dem Südgipfel zwischen dem FC Bayern und dem SC Freiburg auskennt, dann Volker Finke. Der heute 74-Jährige war von 1991 bis 2006 16 Jahre lang Cheftrainer der Braisgauer und ist damit bis heute der längste Amtsinhaber der Bundesliga. Aufstiege, Abstiege, Europa – Finke hat alles mit dem SC durchgemacht, auch den ein oder anderen Sieg gegen den FCB. Warum Freiburg auch am Sonntag gute Karten hat, verrät Finke im Interview:
Herr Finke, der SC Freiburg fährt als Tabellenzweiter zum Verfolger nach München. Manch einer mag sich da an die Saison 94/95 erinnert fühlen …
Wir wurden Dritter in dem Jahr, Bayern unter Trapattoni Sechster. Im ersten Heimspiel der Saison schlugen wir sie 5:1. Spiele gegen Bayern haben zu der Zeit gut gepasst. Nach dem Bundesliga-Aufstieg 92/93 haben wir die ersten drei Heimspiele gegen sie gewonnen.
Muss man sich daran gewöhnen, dass Freiburg künftig eher oben statt um den Klassenerhalt mitspielt?
Das weiß ich nicht. Der SC hat – parallel zur Branche – wirtschaftliche eine schöne Entwicklung genommen und ist mit 115 Millionen Euro Umsatz inzwischen ein Verein aus dem Mittelfeld der Tabelle. Das Budget ist nicht so hoch, dass man sagen müsste, der Club muss international spielen. Es ist aber auch nicht so gering, dass es nur darum ginge, den Abstieg zu verhindern. Es gibt jedes Jahr zwei, drei Ausreißer nach oben oder unten. Freiburg gehört da momentan wie Union Berlin zu den positiven Überraschungen.
Sehen Sie Parallelen zwischen den Clubs?
Was Union abliefert, ist eigentlich unfassbar. Dort arbeiten seit Jahren die gleichen Leute. In der Führungsebene gibt es wie in Freiburg Kontinuität. Achim Stocker und ich haben dort 16 Jahre gearbeitet, Christian Streich ist jetzt auch schon zehn Jahre am Steuer.
Kontinuität als Schlüssel zum Erfolg?
Sie ist ganz sicher einer davon und eine große Stärke in Freiburg. Klemens Hartenbach (Sportdirektor, Anm. d. Red.) und Jochen Saier (Sportvorstand, Anm. d. Red.) waren ja zu meiner Zeit schon da. Wenn große Vereine absteigen müssen, sind das meistens die, die die größte Fluktuation auf den wichtigen Positionen haben – Trainer, Sportvorstand, usw.
Hartenbach und Saier glänzen aktuell mit ihren Neuzugängen. Gregoritsch, Doan, Kyereh und Ginter schlugen voll ein.
Der Erfolg, die Ausstrahlung des Vereins und die größere Finanzkraft helfen natürlich dabei, Spieler zu verpflichten, die die Mannschaft weiterbringen. Das scheint diese Saison super geklappt zu haben.
Trotzdem bleibt der FC Bayern Favorit, oder?
Keine Frage. Gleichzeitig aber ist der SC Freiburg psychologisch gesehen aufgrund der Außenseiterrolle in der besseren Ausgangsposition. Beim FC Bayern ist man ein bisschen unzufrieden mit der aktuellen Situation, sie wollen das Heimspiel unbedingt gewinnen, um nicht noch länger kleineren Vereinen hinterherrennen zu müssen. Freiburg kann nur gewinnen, während Bayern den Druck und etwas zu verlieren hat, schon alleine wegen des eigenen Selbstverständnisses.
Ist Christian Streich ein Segen für den SC?
Ich gehöre zu den Leuten, die ihn als Jugendtrainer vom FC Freiburg zum SC geholt haben. Wir haben sehr viel Wert auf Jugendarbeit gelegt, weil wir glaubten, dadurch konkurrenzfähiger sein zu können zu anderen Vereinen, die erheblich mehr Geld haben. Wir suchten Leute, die mal gekickt haben, aber auch pädagogisch etwas konnten. So kamen dann Klemens Hartenbach und Christian zu uns. Wir haben dann entgegen der einhelligen Meinung nicht in Spieler investiert, sondern in die Infrastruktur. Diese stetige und nachhaltige Entwicklung, die beide mitgemacht haben, war der Schlüssel für unseren Erfolg und ursächlich dafür, dass wir überhaupt mal ein Bundesligist werden konnten.
Er ist inzwischen seit bald 4000 Tagen im Amt. Sie schafften als Freiburg-Trainer 5843 Tage. Überholt er Sie noch?
Das ist ja kein Wettbewerb. Ich kann ihm nur wünschen, dass seine Gesundheit und Motivation ausreichen, um den Job so lange zu machen. Christian muss das ja auch selbst entscheiden. Ich glaube und hoffe, dass es noch lange gehen kann. Um ihn herum sind nur Leute, die sich seit Jahren kennen und sich auch unterstützen, wenn es mal nicht läuft.
Julian Nagelsmann steht dagegen in der Kritik. Zuletzt wehrte er sich gegen den Begriff „Trainertalent“. Wie schlägt er sich beim FC Bayern?
Das kann und will ich aus der Ferne nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich an seiner Stelle auf derartige Äußerungen gar nicht reagieren würde. Da warten die Medien nur darauf. Intern wird man das schon entsprechend regeln, sonst hätten sie ja in den letzten Jahren nicht so viel Erfolg gehabt.
Ihr Tipp für’s Spiel?
Ich wünsche mir ein 2:2-Unentschieden, damit kann zumindest Freiburg gut leben.
Interview: Johannes Ohr