Silkes Sprung ins Glück

von Redaktion

Die 25-jährige Münchnerin hat in der Sportart Parkour ihre Leidenschaft gefunden

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – Bewegung mochte Silke Sollfrank ja schon immer. Regeln eher weniger. Mit fünf Jahren begann sie mit dem Eiskunstlauf – die große Schwester war hier das Vorbild –, schlug schon bald Räder auf dem Eis. Der Vater schickte Sollfrank zum Turnen. Dort attestierte man ihr großes Talent, meldete sie zu Turnieren an. Aber eine Erfolgsgeschichte wurde es nicht. Sollfrank turnte nach Meinung der Kampfrichter zu schlampig: „Ich wollte cooles Zeug machen und rumspringen, nicht so penibel darauf achten, dass es wunderschön ausgeführt wird nach gewissen Vorgaben.“ Bei den Wettkämpfen war Sollfrank, die aus München kommt, immer unglücklich, weinte nach jeder Kür. „Das ist einfach ungesund“, sagt sie heute, „ein Kind sollte wegen Sport nicht weinen.“

Nach dem Turnen probierte Sollfrank alles aus, was ihr in den Sinn kam – und nach Spaß klang. Volleyball, Windsurfen, Softball, Skateboarden. Doch die richtige Leidenschaft entstand dann aus einer zufälligen Begegnung. „Irgendwann hat mich ein Typ gefragt, ob ich Parkour mache, weil ich so fette Baggy-Hosen getragen habe. Am nächsten Tag hat er mir gezeigt, wie das alles so funktioniert und mir die Grundlagen erklärt.“

Nach zwei Wochen trainierte Sollfrank bereits Kinder. Parkour und Sollfrank, das war Liebe auf den ersten Blick, wie sie sagt. Bei der Sportart geht es darum, sich mit der Kraft des eigenen Körpers – zumeist über Hindernisse – fortzubewegen. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

„Ich bin eher explosiv-kraftmäßig unterwegs. Ich mache gerne leichte Lines und lasse sie schön aussehen“, sagt Sollfrank.

Feste Strukturen oder Trainingspläne spielen beim Parkour keine Rolle. „Es ist eine Sportart, die dir alles möglich macht. Es gibt keine Regeln, keinen Trainer. Im Leben ist man oft genug eingegrenzt. Beim Parkour können wir uns ausleben. Es gibt keinen, der dir sagt: So, am Donnerstag machst du jetzt nur Schwinger“, sagt die 25-Jährige. Körperliche Fitness und die richtige Vorbereitung spielen natürlich trotzdem eine wichtige Rolle. Bei Landungen wirkt teilweise das 13-fache Körpergewicht auf die Gelenke ein. Es kann schnell zu langfristigen Verletzungen kommen.

„Da muss man gezielt mit Ausgleichstraining rangehen, Dysbalancen ausgleichen, auf den Körper hören“, sagt Sollfrank, die ihren Körper als Arbeitsgerät bezeichnet, das sie in Schuss halten muss.

Wenn sie etwa im Fitnessstudio Beine trainiert hat, kann sie danach oft ihre Sprünge nicht mehr einschätzen, da sie viel weiter springt und woanders landet: „Das ist richtig verrückt.“

Sollfrank kann von ihrem Sport leben. Durch Workshops, Werbespots oder auch der Teilnahme an TV-Sendungen wie „Catch“ oder „Ninja Warrior“. Zudem gibt es „Our House“ von der Deutschen Sporthilfe (siehe Kasten rechts) – eine Förderung für Sportler, die keinem Verband angehören. Erst kürzlich organisierte „Our House“ einen Trip für zwölf Athleten aus den Sportarten Parkour, Wakeboard, BMX und Skateboard nach Kalabrien.

Sollfrank war auch dabei. Es ist das gemeinsame Herausfordern, die gemeinschaftliche Atmosphäre, die sie an ihrer Sportart schätzt. Und natürlich die Kunst, den Körper jeden Tag aufs Neue kennenzulernen. „Es gibt Lines, bei denen sich mein Körper einfach bewegt. Ich achte nur darauf, nicht stehen zu bleiben. Das ist wie ein Tanz, den du eingeübt hast.“

Tänze, die auch über 160 000 Menschen begeistern, die der Athletin bei Instagram folgen. Sollfrank will ein Vorbild für junge Mädels sein, schließlich wirbelt sie als „kleiner Mensch in einer männerdominierten Szene.“ Ach, eigentlich will sie ein Vorbild für alle sein, Menschen zur Bewegung inspirieren. „Ich will zeigen, dass man auch Sport machen kann, ohne ständig unter Druck gesetzt zu werden.“

Artikel 1 von 11