Wie der Fußball war und ist

von Redaktion

Tipps: Aktuelle Bücher im WM-Jahr von Christoph Biermann, Florian Kinast und Gerhard Waldherr

München – Eine Fußball-Weltmeisterschaft steht an – und die deutschen Buchverlage folgen den alten Reflexen: Es müssen Nostalgie- und So-faszinierend-ist-dieses-Spiel-Bände auf den Markt geworfen werden. Doch ist das auch der richtige Ansatz, wenn das WM-Turnier, das diese Maschinerie in Gang bringt, so sehr aus dem Rahmen fällt wie Katar 2022? Von der Terminierung her, von den Umständen der Vergabe, den Zuständen im Gastgeberland. Welche Bücher werden dem gerecht, dass über diese WM in einer anderen Tonlage berichtet werden sollte?

Um jeden Preis

Christoph Biermann hat kein Buch geschrieben, in dem er die WM in Katar ausladend thematisieren würde. Er spricht sie an – als den fast zwangsläufigen Endpunkt einer Entwicklung über genau 30 Jahre. 1992, so der renommierte Journalist, der beim „Spiegel“ war, nun für „11 Freunde“ schreibt und einige Male den Preis fürs beste Fußballbuch eines Jahres gewonnen hat, begann der Fußball sich nachhaltig zu verändern. Die Rückpassregel zwang dem Spiel mehr Tempo auf – dadurch wurde es besser. Die Gründung von Champions League und englischer Premier League vervielfachten die Geldflüsse in den Sport – das war der noch tiefere Einschnitt.

Heute hat der Fußball „Superspieler“, die wissenschaftliche Selbstoptimierung betreiben wie Ronaldo und Lewandowski, „Supertrainer“, „Supervereine“. Christoph Biermann schildert und erklärt den Fußball, wie er seit 1992 geworden ist – in seiner Faszination ebenso wie von seiner abstoßenden Seite. Vieles ist bekannt, vor allem durch die Footballleaks-Enthüllungen, dank Biermann fügt sich alles in ein großes Bild. Man liest die 240 Seiten über die, so der Untertitel „Wahre Geschichte des modernen Fußballs von 1992 bis heute“ weg wie im Rausch.

Die Könige der Welt

Dies ist im Grunde ein klassisches WM-Buch, ein Hit-Sampler, ein Best of. Der Münchner Florian Kinast erzählt die Geschichte der WM-Turniere seit 1930 süffig nach.

Was bei Weltmeisterschaften geschah, ist natürlich vielfach ausgeleuchtet, jeder hat irgendeinen WM-Band im Schrank stehen. Doch die Wahrnehmung einer WM ändert sich mit der Zeit, weswegen die heutige Perspektive auf längst Vergangenes legitim ist. Und manche WM-Geschichte geht ja weit über den Ereignis-Zeitraum hinaus wie die des unglückseligen brasilianischen Torhüters Barbosa, den das Volk 1950 dafür verantwortlich machte, dass Brasilien nicht Weltmeister wurde. Barbosa fühlte sich verstoßen bis ans Ende seiner Tage. Auch die verbalen Verrenkungen deutscher Nationalspieler, warum sie 1978 eine WM in der Militärdiktatur Argentinien nicht infrage stellten, sind im Nachgang noch einmal lesenswert – denn Katar linst um die Ecke.

Nostalgiker bekommen ihre Erinnerungsmomente, in Zahlen, die jeweils die Kapitel beschließen, findet sich allerlei Staunenswertes.

Was vielleicht fehlt, ist die große Erzählklammer, wie sie der Verlag dtv in dem vor knapp einem Jahr erschienen Olympia-1972-Buch „Die Spiele des Jahrhunderts“ bietet. Ansonsten ist Florian Kinasts WM-Historie an das Konzept des Mixes aus Anekdotenhaftigkeit und politischer Einordnung angelehnt.

Die WM und ich

Es ist erst ein paar Monate her, dass Gerhard Waldherr, früherer SZ- und Stern-Reporter, bei alten Kollegen anrief. Ihn hatte die Idee gepackt, ein WM-Buch zu machen, wie es noch keines gab. Der Tölzer Waldherr kam aus Begeisterung für große WM-Reportagen in der Zeitung zum Journalistenberuf, daher war die WM trotz und wegen Katar für ihn das Thema des Jahres. Die Autoren, allesamt Zeitzeugen (Gerd Raithel, früher bei der Münchner Abendzeitung, heute 91, schreibt über 1954 und 58), sollten ihr ureigenes Erleben schildern – das sich auch fernab der Spiele zugetragen haben kann. Auch der Verfasser dieser Buchrezensionen ist in Waldherrs Buch vertreten, er erzählt, wie er 2014 nach einem Unwetter die Urkraft Brasiliens kennenlernte, vor der Joachim Löw gewarnt hatte, und warum das 2018er-WM-Quartier des DFB, Watutinki, keine offizielle Adresse hatte und selbst die Russen sich schwertaten, es zu finden.

Die Reise dieses WM-Buches führt von Bern nach Katar. Es geht darum, wie der Fußball war und was aus ihm geworden ist. Zur bevorstehenden WM gibt es mehrere (kritische) Beiträge.

Gerhard Waldherr ist mit seinem Herzblut-Projekt „all in“ gegangen, hat ohne großen Verlag im Rücken ein inhaltlich wie optisch opulentes Werk (320 Seiten) geschaffen, zu dem 37 Autorinnen und Autoren beigetragen haben. Ein großer Aufschlag. GÜNTER KLEIN

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