Beim TSV 1860 geht es nicht nur um Sport. Der Verein ist auch eine Anlaufstelle, eine zweite Heimat für Migranten. Bei einer Podiumsdiskussion haben Ex-Profi und Nationalspieler Senegals Renè Gomis, der ehemalige Profispieler Mohamad Awata, Abteilungsleiter Boxen Ali Cukur und die Boxerin und Trainerin Saskia Bajin ihre Geschichten erzählt – und wie sie Teil des Löwenrudels wurden.
René Gomis: „Als ich ein kleiner Junge war, war es immer mein Traum, einmal in der französischen Liga zu spielen. Ich wollte Profi werden, und natürlich am besten in einem Land, in dem ich schon die Sprache kenne. Als ich dann mit 15 Jahren für die U-17-Nationalmannschaft vom Senegal gespielt habe, kamen wir wegen eines Spiels für ein paar Tage nach Bonn. Das war mein erstes Mal in Deutschland, und mir war sofort klar: Hier will ich niemals leben, es ist ja die ganze Zeit kalt und am regnen! Aber wie es im Leben so kommt, hatte ich im Jahr 2000 ein Probetraining bei den Löwen. Sechzig hat damals noch in der ersten Liga gespielt, und ich sollte für ein paar Tage mittrainieren und vor der Mannschaft vorspielen. Was soll ich sagen? Ich habe mich sofort wohlgefühlt, und nach fünf Tagen wusste ich, dass ich hier mein ganzes Leben verbringen möchte. Dieses Gefühl, einen ganzen Verein und all seine Fans hinter sich zu haben, hat mich tief beeindruckt. München ist jetzt meine zweite Heimat und Sechzig meine zweite Familie.“
Mohamad Awata: „Ich habe in meinem Leben alles gewonnen und alles verloren. Vor dem Krieg habe ich in Syrien als Profi gespielt, habe die Meisterschaft gewonnen und bin sogar für die Nationalmannschaft aufgelaufen. Dann schlugen die Bomben ein – und haben alles verändert. Bei einem Anschlag habe ich meine Mutter verloren, mit ihrem Tod wurde mir das wichtigste in meinem Leben genommen. Von Fußballspielen konnte natürlich keine Rede sein, deshalb habe ich 2014 einen Entschluss gefasst: Ich muss raus aus Syrien, raus aus dem Krieg, und setze alles auf eine Karte. Ich will nach Deutschland und hier Profi werden! Die Flucht übers Meer war schlimm. Aus Syrien ging es in die Türkei. Um von da unbemerkt nach Europa zu kommen, sind wir mit einem Boot mitten in der Nacht nach Griechenland übergesetzt. Um nicht gesehen zu werden, durften wir kein Licht anmachen, deswegen war es stockfinster. Ich konnte in der Dunkelheit nicht mal meine eigenen Finger erkennen! Ich hatte noch nie soviel Angst in meinem Leben. Als ich dann in Deutschland zu 1860 kam und 2017 sogar in der ersten Mannschaft aufgelaufen bin, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Ich spiele zwar inzwischen beim SV Heimstetten, aber: Einmal Löwe, immer Löwe!“
Ali Cukur: „Ich bin 1969 aus der Türkei nach München gekommen. Damals war ich Neun Jahre alt, und schon an meinem Geburtsjahr sieht man: Ich war schon immer Sechzger! Auf der Reise nach München ist mein Bruder tödlich verunglückt, das hat mich bis heute traumatisiert. Aber der Sport hat mir geholfen, diesen Schock zu verarbeiten. In München bin ich dann vom damaligen Trainer Helmut Fischer zum Boxen abgeworben worden und so ging es bei mir im Verein los. Inzwischen arbeite ich hier als Abteilungsleiter in einem Boxverein, in dem über 40 Nationen zusammenkommen. Wir sind eine große Löwenfamilie, und darauf bin ich stolz. Das schönste Erlebnis, das ich mit dem Verein verbinde, war vor ein paar Jahren. Durch meine Arbeit betreue ich immer wieder unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge. Viele haben traumatische Dinge erlebt, deshalb ist einer von ihnen parallel zu Psychotherapie gegangen. Irgendwann kam er zu mir und hat gesagt, dass er nicht mehr zu diesem Psychologen hingehen muss – seine Therapie ist das Boxen bei den Löwen!“
Saskia Bajin: „Sport bedeutet für mich Integration und 1860 ist deshalb meine Heimat. Als Boxerin trainiere ich auch oft im Ausland. Deshalb weiß ich: Sport ersetzt die Sprachlosigkeit. Wenn man zusammen trainiert, braucht man keine Übersetzung. Da sind alle gleich, und alle wissen was zu tun ist. Die Sportförderung für Frauen ist in Deutschland leider nicht so gut wie zum Beispiel in Kroatien oder Serbien, aber das wollen wir bei 1860 verändern. Boxen kann soviel mehr sein als nur Sport, und die Löwen sind mehr als ein Verein.“ VINZENT TSCHIRPKE