Was von Spielern erwartet wird, die – mal salopp gesagt – ihre Klappe gerne weit aufmachen, hat Julian Nagelsmann in den vergangenen Wochen nicht nur ein Mal erwähnt. Das Paradebeispiel des Bayern-Trainers war stets Eric Maxim Choupo-Moting, der mehrfach bei seinem Chef vorstellig geworden ist, um Werbung in eigener Sache zu betreiben. Intern wohlgemerkt, nur sich selbst betreffend – und nicht wie Mats Hummels in Dortmund: kritisch, öffentlich und mit Blick auf seine Mannschaftskollegen. Wenn der wiederentdeckte Stürmer in München schon in der Bringschuld war, war es der BVB-Verteidiger erst recht. Und man muss nach seinem Auftritt beim 0:0 gegen Manchester City sagen: Chapeau!
Nicht allzu viele Experten haben Hummels zugetraut, einen Mann wie Erling Haaland noch derart aus dem Spiel nehmen zu können, wie er es am Dienstagabend getan hat. Zu alt, zu langsam, zu fehleranfällig, heißt es ja schon seit einigen Jahren. Als die Abwehr im Sommer umgebaut und in Niklas Süle und Nico Schlotterbeck zwei deutlich jüngere Nationalspieler verpflichtet wurden, schien das langsame Austrudeln der Karriere bis zum Vertragsende 2023 am wahrscheinlichsten. Nun, drei Wochen vor der Kadernominierung durch Bundestrainer Hansi Flick, ist der Weltmeister von 2014 plötzlich wieder ein ernst zu nehmender WM-Kandidat.
Für diese Erkenntnis brauchte es nicht nur dieses eine Spiel, es lohnt sich auch der Blick zurück. Denn Hummels hat in den vergangenen Monaten und Wochen genau das gemacht, was er bei manch einem seiner Kollegen vermisst. Er hat sich weder von Verletzungen und Krankheit noch von öffentlicher Kritik oder internem Druck aufhalten lassen, sondern sein Ding durchgezogen. Im Vertrauen auf seine eigene Stärke ist er stabil geworden, kann wieder führen und wird auch gehört.
Dass ein Einzelner schaffen kann, was dem BVB als Kollektiv seit Jahren nicht gelingt, macht da durchaus Hoffnung. Es schlummerte noch in Hummels – und es schlummert freilich auch in dieser Mannschaft aus Hochbegabten, die nun im Achtelfinale der Champions League steht. Wenn man sieht, zu was dieses Team zu leisten imstande ist, tun fragwürdige Auftritte wie zuletzt in der Liga, abtauchende Stars und Leistungseinbrüche fast weh. Da verhält es sich ähnlich wie bei der wankelmütigen deutschen Nationalmannschaft. Mal vorsichtig formuliert: Einer, der mal die Klappe aufmacht, tät auch dem DFB-Team ganz gut.
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