„Die Vergabe war ein Irrtum“

von Redaktion

Ex-Boss Blatter übt Selbstkritik, will aber von Geld nichts wissen

Zürich/Frankfurt – Die WM-Vergabe ein Irrtum, finanzielle Wiedergutmachung ein Muss, sein Nachfolger eine Fehlbesetzung: Kurz vor dem Beginn der Fußball-WM in Katar (20. November bis 18. Dezember) hat der frühere FIFA-Präsident Joseph S. Blatter mit neuen Enthüllungen, dem Eingeständnis eigener Fehler und der Kritik am derzeitigen Weltverbandsboss Gianni Infantino für mächtig Wirbel gesorgt.

„Meiner Ansicht nach war es einfach ein Irrtum, die WM nach Katar zu vergeben“, sagte Blatter mit Blick auf die Entscheidung unter seiner Regie im Jahr 2010: „Ich leide noch heute darunter, dass es mir nicht gelungen ist, an diesem 2. Dezember das Exekutivkomitee so umzustimmen, dass wir nicht nach Katar gehen.“

Blatter gestand ein, „einen Teil der Verantwortung“ dafür zu tragen. „Wir haben Schaden genommen. Und ich bin ein Teil davon“, äußerte der 86-Jährige, der nach eigenen Angaben nicht für Katar gestimmt hat: „Ich will mich aber nicht zurückziehen und sagen, dass ich ein Unschuldslamm bin.“

Als entscheidend für den Wahlausgang zugunsten Katars sieht Blatter ein Treffen des früheren UEFA-Präsidenten Michel Platini mit Nicolas Sarkozy, dem damaligen französischen Staatspräsidenten, sowie dem heutigen katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani kurz vor der Abstimmung. Sarkozy habe Platini empfohlen, „dass er und seine Leute für Katar stimmen sollten“, sagte Blatter.

Dass die Vergabe zudem bis heute von massiven Bestechungsvorwürfen begleitet wird, steht für Blatter – während dessen Amtszeit an der FIFA-Spitze (1998 bis 2016) ein beispielloses Korruptionsnetzwerk entstanden war – auf einem anderen Blatt.

„Ich habe mich nicht darum gekümmert, ob jemand links oder rechts beeinflusst worden ist“, sagte der Schweizer. Erst später habe er erfahren, dass „noch andere Kräfte“ am Werk gewesen seien, behauptet er. „Die Katarer haben keine Geschenke an Wahlmänner gemacht – sondern an deren Heimatländer. Dann sprach man immer von Geld – doch vom Geld weiß ich nichts.“

Das Thema Geld ist für Blatter in anderer Hinsicht wichtig. Wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen fordert der Walliser von der FIFA wie von Katar die Einrichtung von Entschädigungsfonds für Arbeitsmigranten. „Es ist natürlich die Pflicht der FIFA, dabei mitzumachen“, sagte Blatter: „Diesen Fonds muss man machen, die Katarer und die FIFA haben viel Geld.“

Blatter fordert einen „Fonds in der Größenordnung der Prämien, die man den 32 Teilnehmern bezahlt – oder sogar das Doppelte“. Das wären entweder knapp 450 oder 900 Millionen Euro. Der Weltverband erwartet von der ersten Endrunde in einem arabischen Land einen Gewinn von rund 6,5 Milliarden Euro.

Der Fußball habe einen „hohen sozial-kulturellen Wert“, sagte Blatter, „wenn man diese Werte mit Füßen getreten hat und jetzt die Chance besteht, dass man etwas für die Leute tun kann, die darunter gelitten haben, dann ist das eigentlich eine logische Folge“.

Eigentlich logisch wäre es nach Ansicht Blatters auch, wenn der umstrittene Infantino nächstes Jahr nicht wiedergewählt werden würde. „Wenn ich das Echo von Leuten höre, die bei der FIFA gearbeitet haben und es noch immer tun, sehe ich, dass sie mit ihrem Präsidenten nicht sehr zufrieden sind“, äußerte der Vorgänger Infantinos: „Grundsätzlich muss man festhalten, dass sich die FIFA in eine Richtung entwickelt, die dem Fußball schaden kann.“  sid

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