Mané als tragisches Beispiel

Phänomene der Winter-WM

von Redaktion

HANNA RAIF

Das Gespräch fand freilich auch beim FC Bayern statt, denn die Thematik liegt seit Wochen auf der Hand. Wie geht man als Nationalspieler mit einer WM um, für die es keine Vorbereitung gibt? Julian Nagelsmann hat da eine klare Denkweise. Der Trainer zeigt durchaus Verständnis für die Gedanken seiner Spieler, Zweikämpfe in den letzten Vor-WM-Bundesliga-Spielen nicht mehr ganz so intensiv zu führen. Aber er findet diese Herangehensweise falsch. „Meistens passiert was, wenn du nicht voll und ganz reingehst“, sagte Leon Goretzka, der die Ansicht seines Coaches teilt. Nur: Manchmal kommt 1. alles anders und 2. als man denkt.

Man kann Sadio Mané nicht vorwerfen, im Duell mit Bremens Amos Pieper am Dienstagabend zurückgezogen zu haben. Und trotzdem hat es ihn – ausgerechnet ihn! – erwischt. Er braucht 14 Tage vor Turnierstart ein kleines Wunder, um rechtzeitig fit zu werden. Das ist bitter für ihn selbst, bitter für Senegal, bitter für Afrika, wo sich die Fans so sehr auf den Auftritt ihres Fußballer des Jahres gefreut hatten. Und es mutet eben besonders bitter an, weil die Situation heuer, wo der Liga-Alltag die Turniervorbereitung ersetzt, so kurios ist. Da geht es Mané nicht anders als Timo Werner, der im Aufgebot von Hansi Flick fehlen wird. Ebenso blöd, ebenso kurzfristig.

Der Last-Minute-K.o. ist ein Phänomen der Winter-WM, er hat das sonst übliche sogenannte „Zittern um die WM“ nahezu abgelöst. Wer sich jetzt verletzt, ist raus und hat Urlaub. Wer jetzt (wieder) fit ist, wird nominiert und hat alles andere als Urlaub. Auch wenn die Nationalteams noch nicht mal versammelt sind, befinden sie sich vom Zeitplan her in der Phase der letzten Testspiele. Mit dem Unterschied, dass man bei diesen – anders als im Kampf um Liga-Punkte – in den entscheidenden Szenen wirklich zurückziehen würde.

Interessant ist, dass weder Timo Werner noch Sadio Mané von einer obligatorischen Muskelverletzung gestoppt wurden. Was nicht heißt, dass diese Thematik rund um die WM vom Tisch ist. Erst im Januar, wenn der Alltag in den heimischen Ligen wieder startet, kann man seriös darüber urteilen, wie viel Belastung so ein gut trainierter Fußballer-Körper aushält. Nagelsmann wird zum Start wieder Gespräche führen. Ob er aber dann mit Worten noch alle dazu bringen kann, immer Vollgas zu geben – oder es einfach nicht mehr geht –, bleibt abzuwarten.

hanna.raif@ovb.net

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