München – In der 80. Minute erhob sich Thomas Müller von seinem Sitz. 4:1 stand es, der Sieg des FC Bayern gegen Bremen war längst gesichert, da rief der Nationalspieler auf der Tribüne der Allianz Arena ein „Servus“ in die Runde und verschwand. Gut, zwei Tore verpasste Müller, am Ende stand es ja 6:1. Trotzdem hatte er zehn Minuten vor Abpfiff dieses letzten Heimspiels im Fußball-Jahr 2023 schon gesehen, was er sehen wollte – und Hasan Salihamidzic später aussprach: „Dass die Nationalspieler jetzt alle nicht nur 100, sondern 120 bringen. Das ist natürlich gut für die WM.“
Der Sportvorstand – und alle anderen – blickten nach diesem spektakulären Sieg erstmals ganz offiziell über den Tellerrand, obwohl die WM natürlich seit Wochen im Hintergrund mitschwingt. Zurück auf Platz eins zu kommen, war das primäre Ziel im Mammut-Programm des Bayern-Herbstes, sich nebenbei aber als Block auch für das DFB-Team einzuspielen, das vom Bundestrainer vorgegebene. Fünf der sechs Tore gingen gegen Werder aufs Konto von Jamal Musiala (6.), Leon Goretzka (26.) und den überragenden Serge Gnabry (22./28./81.), dazu kamen Vorlagen von Leroy Sané sowie Joshua Kimmich. Die Botschaft aus München ist unmissverständlich.
„Es war die klare Ansage von Hansi, dass wir uns gefälligst alle in eine gute Verfassung bringen“, sagte Goretzka. Weil ein langes Trainingslager im Termin-Stress nicht möglich ist, sei Bundestrainer Flick vor seiner ersten WM als Chef „auf die Arbeit im Verein angewiesen. Daher versuchen wir alle unser Bestes“, führte der 27-Jährige aus. Mit der positiven Entwicklung des Bayern-Spiels – gegen Bremen feierte der Rekordmeister den neunten Pflichtspielsieg hintereinander – ist die Hoffnung auf eine erfolgreiche Winter-WM gestiegen. Ein funktionierender Block sei „sehr wichtig“, sagte Manuel Neuer: „So wie es 2014 auch wichtig war.“ Von einer „sehr guten Mischung aus Gier, Spielfreude und außergewöhnlicher Qualität“ sprach Julian Nagelsmann mit Blick auf das Bremen-Spiel, aber vor allem die vergangenen Wochen. Der Weg zurück an die Tabellenspitze gelang eindrucksvoll, 47 Tore standen nach 14 Spieltagen zuletzt 1976/77 zu Buche.
„Dieser Glaube an die eigene Stärke hat uns geholfen“, erklärte Kimmich, während Goretzka besonders den zweiten von drei Gnabry-Treffern heraushob. „Sehr viel von dem, was wir uns vorgenommen haben“, habe man in der Szene sehen können, in der Gnabry einen Sané-Pass verwertete. Dass der Dreifach-Torschütze erst vor wenigen Wochen im Formtief steckte, ist 14 Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Japan (23. November) kaum mehr zu glauben. „Je mehr Tore, desto besser“, sagte der Mann des Spiels, der aber wie gewohnt mit Worten geizte – und lieber andere über sich sprechen ließ.
Diverse Gespräche mit Nagelsmann hat es zuletzt gegeben, und „in den Bereichen, die ich angesprochen habe, hat er sich extrem verbessert“. Salihamidzic sieht beim 27-Jährigen „großes Selbstvertrauen“, während der Trainer hofft, „dass er den Flow mitnehmen kann, nach Schalke und zur WM“.
Schalke, da war ja was. Am Samstag steht das letzte Bundesliga-Spiel des Jahres an. Das Ziel: Weiter treffen, oben bleiben, nicht verletzen. Damit Goretzkas Ansage – „wir glauben daran, Weltmeister zu werden“ – bestehen bleiben kann. Und Müller, der weiterhin pausiert, das einzige kleine Münchner DFB-Sorgenkind bleibt.