„Bereitschaft zu spenden ist sehr hoch“

von Redaktion

Nationalspieler wohl offen dafür, WM-Prämien in einen Entschädigungsfonds einzuzahlen

VON GÜNTER KLEIN

Frankfurt/München – Inzwischen kommt es dem DFB selbst befremdlich vor, was für einen Zinnober er bei Kader-Nominierungen schon veranstaltet hat. Vor der EM 2008 (Schweiz. Österreich, Berge) wurden die Namen auf der Zugspitze verlesen, vor der EM 2016 (Frankreich) in der französischen Botschaft in Berlin mit Blick aufs Brandenburger Tor (für die Titelfeier). Wer mit zur Weltmeisterschaft reist, das verkündete der Deutsche Fußball-Bund in einer schlichten Pressekonferenz auf seinem Frankfurter Campus. Einziges Extra waren ein paar Videogrüße von früheren Weltmeistern von Sepp Maier bis zu Joachim Löw (im Helmut-Schön-Retro-Trainingsanzug).

Zu sensibel ist der Themenkomplex Katar, um irgendeine Wüstenfolklore zu inszenieren. Die Medien sind voll mit kritischen Reportagen über das Gastgeberland – und kurz vor der Kaderbekanntgabe erreichte den DFB auch noch ein Offener Brief der Initiative „Boycott Qatar“, der Vereine, Fanszenen, Anwälte oder die KZ-Gedenkstätte Dachau angehören. Anliegen ist das Einrichten eines Entschädigungsfonds für zu Schaden gekommene Arbeitsmigranten und deren Familien. Die FIFA ziert sich, ihr Präsident Gianni Infantino tat Forderungen, der Weltverband solle das, was er an Preisgeldern ausschüttet (440 Millionen US-Dollar), auch den Opfern zukommen lassen, gerade erst als PR-Gag ab. DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist da viel offener, er hatte die Bereitschaft erklärt, dass der DFB sich an einem Fonds beteiligen werde.

„Wir begrüßen das ausdrücklich“, so „Boycott Qatar“. Die Initiative wird nun konkret: „Sollte die FIFA sich dieser Idee verweigern, so erwarten wir vom DFB, dass er seine Preisgelder (je nach Platzierung zwischen neun und 42 Millionen Dollar) eigenständig für Entschädigungszahlungen verwendet. Für den gleichen Zweck sollten die DFB-Nationalspieler etwaige Siegprämien spenden.“

„Jeder hat mitbekommen, was in Katar passiert und was uns sprachlos macht“, nahm Bundestrainer Hansi Flick Stellung zu den neuesten Äußerungen von Katar-Offiziellen etwa zur Homosexualität („Geistiger Schaden“). Der Bundestrainer versprach: „Wir wollen uns nicht wegducken, sondern auf Missstände aufmerksam machen. Wir haben vor Ort noch einen Hebel, und es haben sich Spieler gemeldet.“ Ein Vorschlag der Menschenrechtsorganisationen wurde kundgetan bei einem DFB-Seminar im Juni und lautete: Die deutsche Mannschaft sollte auf eigene Faust zu einer Arbeitersiedlung fahren – und dabei mediale Begleitung mitnehmen.

Den neuen Offenen Brief kannte Hansi Flick („Ich war noch mit ein paar anderen Sachen beschäftigt“) noch nicht, er ist aber darüber informiert, dass der DFB beim Thema Entschädigungen „weit ist und mit anderen Nationen gesprochen hat“. Und was seine Spieler betrifft, hat Flick ebenfalls einen Kenntnisstand: „Grundsätzlich weiß ich, dass im Team die Bereitschaft zu spenden sehr hoch ist.“

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