München – Chapeau, Dayot Upamecano (24)! Der Abwehr-Star des FC Bayern spielt bislang eine starke Saison. Der Lohn dafür: Am Mittwochabend wurde er für Frankreichs WM-Kader nominiert. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Upamecano über seine Leistungsexplosion, den Austausch mit Trainer Julian Nagelsmann – und Jugendspiele als Torhüter.
Herr Upamecano, Sie sind bei der WM in Katar dabei. Gratulation!
Vielen Dank. Es ist ein großer Traum, der für mich in Erfüllung geht. Jeder Spieler will sein Land bei einer Weltmeisterschaft repräsentieren. Ich werde alles geben für Frankreich.
Sie spielen eine starke Saison bisher mit dem FC Bayern. Zufrieden?
Ich bin sehr zufrieden und weiß aber, dass ich auch noch viel lernen muss. Ich muss einfach weitermachen, immer kämpfen. Jedes Spiel ist für mich ein Finale.
In dieser Saison hat der FC Bayern bisher die wenigsten Gegentore kassiert. Wie ist das Zusammenspiel mit Lucas Hernández, Matthijs de Ligt oder auch Benjamin Pavard in der Innenverteidigung?
Es ist ein gutes Gefühl mit allen dreien. Lucas ist ein super Verteidiger, auf Matthijs und Benjamin trifft das genauso zu. Alle haben hier einen super Charakter. Wir sind immer fokussiert. Wir wollen jedes Spiel zu Null spielen.
In Ihrer ersten Spielzeit beim FC Bayern lief noch nicht alles glatt. Sie mussten von Experten Kritik einstecken.
Wenn mich jemand von außen kritisiert, ist mir das egal. Das ist Fußball. Jeder hat seine eigene Meinung. Ich mache einfach weiter. Egal, was externe Experten sagen. Wichtig ist mir, was meine Vertrauten denken.
Trotz starker Konkurrenz sind Sie Stammspieler, zeigen seit Monaten Top-Leistungen. Was haben Sie verändert im Vergleich zur Vorsaison?
Ich habe mich im Sommer mit meinen Schwächen und auch mit dem, was ich gut gemacht habe, auseinandergesetzt. Ich habe vor der Saison einen Fitnesstrainer engagiert, wenig Urlaub gemacht. Mein Ziel war es, fit und top vorbereitet in die Spielzeit zu starten. Das hat man in den Spielen sofort gesehen.
Sie haben beispielsweise mit einem Opernsänger an Ihrer Stimme gearbeitet.
Am Anfang war das schon komisch. Ich musste kleine Übungen machen, auch singen. Ich habe viel gelacht. Danach war es aber ganz entspannt. Es hat mir sehr geholfen. Weil ich in der Abwehr in den Spielen viel rede, hatte ich immer Stimmbandschmerzen. Die sind nun weg.
Ihr Spielaufbau hat sich stark verbessert. Laut Statistik sind Ihre langen Zuspiele die genauesten aller Feldspieler in den europäischen Top-Ligen.
Ich arbeite schon lange mit Julian Nagelsmann zusammen. Ich höre ihm zu. Er fordert von mir, hinter die gegnerische Abwehrkette zu spielen. Das klappt mittlerweile ganz gut.
Wie wichtig ist der Trainer für Ihre Entwicklung?
Sehr wichtig. Er hat viel Videoarbeit mit mir gemacht. Aber was mir sehr wichtig ist, ist, dass er mir auch sagt, wenn ich mal nicht so gut gespielt habe. Ich mag ehrliches Feedback und nicht nur hören, dass ich gut war. Er sagt mir direkt, wenn ich mal einen Gang zulegen sollte. Das gefällt mir.
Wie interpretieren Sie Ihre Rolle als Abwehrspieler?
Ein Verteidiger muss schnell, konzentriert, gut mit dem Ball sein. Und aggressiv. Sehr aggressiv.
Auf dem Platz wirkt es teilweise so, als würden Sie Ihre Gegenspieler fressen wollen. Abseits des Rasens scheinen Sie eher ruhig zu sein.
So war ich schon immer. In der Schule war ich sehr zurückhaltend, ruhig, fast schüchtern. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich eine andere Welt betrete, wenn ich auf den Fußballplatz gehe. Ich bin wie ein Löwe. Ich bin immer relaxt. Aber wenn ich auf den Rasen gehe, kämpfe ich. In der Jugendzeit war ich immer Kapitän, obwohl ich privat eigentlich eher ruhiger bin.
Apropos früher: Sie waren Stürmer. Wann wurden Sie zum Verteidiger umfunktioniert?
In der U 15. Ich habe als Kind zu Zinedine Zidane, Thierry Henry oder Samuel Eto’o aufgeschaut. Mein Trainer hat mir dann mal gesagt, ich müsse in die Abwehr – obwohl ich viele Tore geschossen habe. Damals habe ich überall gespielt: Stürmer, Linksaußen, auch im Mittelfeld. Ich kann also auch dribbeln. Wenn mein Trainer gesagt hat, du spielst Rechtsverteidiger oder Torwart, war mir das egal. Ich wollte einfach spielen.
Für den FC Bayern haben Sie in 60 Pflichtspielen erst einmal getroffen.
Ich möchte torgefährlicher werden. Ich muss mehr Tore machen. Wenn es der Mannschaft hilft und ich nach vorne dribbeln kann, mache ich das auch. Aber: Priorität hat, dass ich gut verteidige und wir keinen Gegentreffer kassieren.
Bixente Lizarazu, Franck Ribéry oder auch Willy Sagnol sind Vereinslegenden. Momentan spielen fünf Franzosen beim FC Bayern. Warum fühlen sich Ihre Landsleute so wohl in München?
Weil wir nicht nur eine gute Fußballausbildung, sondern auch Gewinnermentalität haben. Das passt perfekt zum FC Bayern.
Interview: Philipp Kessler