Frankfurt – Bevor Bundestrainer Hansi Flick seinen endgültigen Kader für die anstehenden Weltmeisterschaft in Katar präsentierte, wurde es nostalgisch. In einer Schwarz-Weiß-Videobotschaft flimmerte plötzlich Joachim Löw in einer Retro-Trainingsjacke über den Bildschirm und richtete das Wort an seinen Nachfolger und Co-Trainer beim WM-Triumph in Brasilien: „Denk immer daran, was uns 2014 stark gemacht hat. Wir waren ein super Team. Wir haben jede Minute an den Sieg geglaubt. Wir haben uns, egal was passiert ist, nicht aus der Ruhe bringen lassen. Diese Qualität hast du!“
Die letzten Tage waren für Flick allerdings alles andere als entspannt. Gemeinsam mit seinem Trainerteam, das in Katar um Hermann Gerland (68) erweitert wird, tüftelte er bis Dienstag am Aufgebot „Es war sehr intensiv. Wir haben gedanklich mehrere Dinge durchgespielt“, sagte der Bundestrainer und gab einen Einblick in die Entscheidungsfindung: „Wir haben überlegt: Wer kann der Mannschaft helfen? Wer kann in der einen oder anderen Situation der Matchwinner für uns sein?“
Für diese Rolle sehen die Verantwortlichen beispielsweise Niclas Füllkrug (29) prädestiniert. Der Stürmer des SV Werder Bremen verfolgte die Nominierung mit seinen Teamkollegen in der Kabine und wurde frenetisch gefeiert, als sein Name zu lesen war. „Niclas hat zehn Tore. Er hat das Momentum auf seiner Seite. Er ist einer, der einer Mannschaft das Vertrauen schenkt, dass immer noch etwas geht. Er kann sich mit jeder Rolle gut identifizieren“, begründete Flick die Nominierung des Angreifers. Füllkrug hat, wie auch der 17-jährige Dortmunder Youssoufa Moukoko („Er ist schnell, er ist quirlig. Wir freuen uns auf ihn“) freilich von den kurzfristigen Ausfällen von Timo Werner (26/Syndesmoseband) und Marco Reus (33/Sprunggelenk) profitiert.
Das gilt auch für Mario Götze (30), der sein letztes Spiel für Deutschland im November 2017 gemacht hatte und nun pünktlich zur WM sein DFB-Comeback feiert. „Wir alle wissen, das Mario ein genialer Fußballer und ein toller Mensch ist. Er hat Gedankenblitze. Er war die letzten Spiele auf ganz, ganz hohem Niveau. Er ist topfit“, schwärmte Flick vom WM-Siegtorschützen des Jahres 2014. Einem anderen Weltmeister bleibt ein Comeback hingegen verwehrt: Mats Hummels (33). Der Innenverteidiger von Borussia Dortmund hat es trotz einer starken Saison nicht in den Kader geschafft. „Wir haben uns im Trainerteam mit Blick auf die Zukunft für einen jüngeren Spieler entschieden, nicht gegen Mats. Er kann jeder Mannschaft guttun“, gestand Flick und nominierte stattdessen Armel Bella-Kotchap (20) vom FC Southampton. Die Reaktion von Hummels erfolgte prompt in den sozialen Medien. Dort sprach er von „einer der größeren Enttäuschungen“ seiner Karriere. Linksverteidiger Robin Gosens (28) hat es ebenfalls nicht ins Aufgebot geschafft, stattdessen entschied sich Flick für den Freiburger Christian Günter (29), weil dieser einen besseren Rhythmus habe.
Bereits am Sonntag versammelt Flick seine WM-Fahrer in Frankfurt, ehe es Montagmittag weiter in den Oman geht, wo bis Donnerstag ein Kurztrainingslager auf dem Programm steht. MANUEL BONKE PHILIPP KESSLER