München/Ingolstadt – Ein Blick auf die Tabelle lässt nicht erahnen, dass hinter Julian Nagelsmann (35) laut eigener Aussage das wahrscheinlich turbulenteste Halbjahr seines Berufslebens liegt. Immerhin steht der FC Bayern vor dem letzten Hinrundenspieltag mit vier Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze und wird die WM-Pause als Ligaprimus verbringen.
Doch zwischenzeitlich waren die Münchner in eine Ergebniskrise geschlittert, die in einer Pleite beim FC Augsburg gipfelte und dem Münchner Cheftrainer unruhige Nächte bereitete. In den anschließenden sieben Bundesliga-Partien folgte ein fulminanter Schlussspurt mit einem nicht weniger spektakulären Offensivfeuerwerk, das durchschnittlich für vier Treffer pro Partie sorgte.
Für Vorstandschef Oliver Kahn (53) war es nur eine Frage der Zeit, bis die Mannschaft wieder zurück in die Erfolgsspur findet. „Im Sommer hat uns mit Robert Lewandowski ein Ausnahmestürmer verlassen. Es war uns schon klar, dass es eine Zeit lang dauert, diese Umstellung zu schaffen“, erklärte Kahn im Rahmen der Dienstwagen-Übergabe von Partner Audi an der Säbener Straße. Die Spieler wären es gewohnt gewesen, in Strafraumnähe stets nach Lewandowski Ausschau zu halten: „Und diese Saison war Robert plötzlich nicht mehr da. Das heißt, wir mussten unser Spiel umstellen und anpassen. Im Umkehrschluss mussten auch die Spieler mehr Verantwortung übernehmen. Es war und ist jetzt nicht mehr nur ein Spieler, der den Abschluss sucht.“
Die Pleite in Augsburg sei der Knackpunkt gewesen. „Dann haben die Spieler verstanden, dass es nicht ihr Anspruch ist, auf Platz zwei oder drei zu stehen – sondern auf Platz eins. Das hat hat man seitdem in jedem Spiel gesehen. Gott sei dank!“
Für den Münchner CEO waren es viele Faktoren, die zusammengekommen sind und weswegen das Team den Durchbruch geschafft hat. Nicht zu vergessen sind auch die starken Auftritte von Stürmer Eric Maxim Choupo-Moting (33). Oder wie es Kahn formulierte: „Dann kam auf einmal Choupo und hat diese Neuner-Position besetzt – und macht das ganz hervorragend als Anspielstation. Das gibt uns wieder mehr Möglichkeiten, mehr Optionen und macht unser Spiel noch unberechenbarer.“
Dieser Trumpf hat dazu geführt, dass die Bayern schon vor dem letzten Hinrundenspiel am Samstag gegen Schalke (18.30 Uhr, Sky) stolze 47 Treffer erzielt haben. Sehr zur Freude von Trainer Nagelsmann: „Das ist herausragend. Wir haben uns fußballerisch entwickelt, auch was die Ruhe am Ball angeht. Auch ich werde ruhiger an der Linie. Wenn man als Tabellenführer in die Pause geht, ist das sehr wertvoll. Wir würden den Vorsprung gerne behalten.“
Deswegen wies Nagelsmann am Freitag vorsorglich noch einmal darauf hin, dass Schonung in der Bundesliga aus Sorge vor Verletzungen das falsche Vorgehen sei. „Den Fokus und die Gier hochzuhalten in der Bundesliga hilft auch in der Vorbereitung auf die WM.“
MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER