„Die Konkurrenz ist größer geworden“

von Redaktion

TENNIS Ex-Spieler Patrik Kühnen über Zverevs Comeback-Chancen und die anstehenden ATP-Finals

München – Die letzten Highlights einer ereignisreichen Tennissaison stehen an. Darunter die ATP-Finals (Ab Sonntag, 14.00 Sky) in Turin. Sky-Experte Patrik Kühnen (56) hat mit unserer Zeitung über das Jahr und das Saisonfinale gesprochen. Außerdem redet die ehemalige Nummer 43 der Weltrangliste und dreimalige Davis-Cup-Sieger über die Comeback-Chancen von Alexander Zverev.

Herr Kühnen, welcher Tennismoment 2022 sticht für Sie heraus?

Der Abschied von Roger Federer war natürlich besonders. Eine tolle Geschichte, wie er da zusammen mit seinem größten Rivalen Rafael Nadal noch mal zusammen auf derselben Seite gespielt hat. Aber am bemerkenswerten war für mich der Durchbruch von Carlos Alcaraz, und zwar in der Geschwindigkeit, wie er stattgefunden hat. Man wusste schon, dass er ein Riesentalent ist, aber dass er jetzt schon die US Open gewonnen hat und die Nummer 1 ist, das ist schon überraschend.

Vielen jungen Spielern wurde in den vergangenen Jahren dieser Durchbruch zugetraut – warum hat er es nun geschafft?

Ich habe ein Interview mit ihm gesehen, da wurde er nach seinem Turniersieg in Madrid gefragt, wo er denn seine Limits sieht. Seine Antwort war eine Gegenfrage: welche Limits? Wenn man darüber nachdenkt, ist das eine super Antwort, denn was sind Limits? Die setzt man sich nur selbst. Das fand ich eine sehr interessante Reaktion für einen jungen Spieler.

Und was zeichnet ihn spielerisch aus?

Er spielt so variabel mit überraschenden Elementen. Zudem spielt er so schnell und außerdem: Er hat keine so richtige Schwäche, auf die sich seine Gegner einstellen können. Sein Spiel ist also ziemlich komplett, da passt einfach alles. Auch wenn es um das Gefühl für die Spielsituation geht, die Auswahl des richtigen Balls im richtigen Moment. Das Verständnis dafür ist im Vergleich zu vielen anderen jungen, sehr guten Spielern aktuell bei ihm am ausgeprägtesten.

Carlos Alcaraz wird die Finals verletzt verpassen – ebenso wie Titelverteidiger Alexander Zverev …

Zverevs Verletzung ist schon ein Einschnitt. Ich bin mal gespannt, wann er zurückkommt, ich hoffe, dass es Anfang kommenden Jahres wieder funktioniert. Aber desto länger man raus ist, desto schwieriger wird es. Es wird richtige Arbeit für ihn. Alle Chancen, das zu schaffen, hat er. Ich glaube, er hat da die richtige Einstellung und dafür, es nicht zu schaffen, ist er als Spieler auch zu gut.

Was ist die größte Herausforderung bei einem Comeback nach längerer Pause?

Schwer zu sagen, das ist typabhängig. Wenn man sich erinnert, beispielweise an Tommy (Haas, Anm.), der hatte die Fähigkeit, nach einer Pause immer gleich wieder in Turnierform zu sein. Aber es gibt auch andere Fälle, aktuell etwa Dominic Thiem, bei ihm war und ist es ein richtiger Prozess, wieder zurückzukommen. Das zeigt, wie unterschiedlich Spieler sein können. Aber die Schwierigkeit generell ist, die Toughness im Match, der mentale Aspekt, in den entscheidenden Phasen so zu spielen wie vorher. Und dann eben bei 4:4, 30:30 das beste Tennis abzurufen, obwohl man lange nicht gespielt hat.

Wobei auch die Konkurrenz eine Rolle spielt …

Ja, die ist für die Generation um Alexander Zverev und Stefanos Tsitsipas definitiv größer geworden. Es ist ja nicht nur Alcaraz, sondern so viele junge Spieler, die jetzt nach vorne drücken, etwa Casper Ruud, Holger Rune, den wir in München auch sehen konnten, oder Felix Auger Alliassime.

Die Genannten wird man nun auch alle bei den Finals sehen – welche Bedeutung haben die für die Spieler?

Schon eine besondere, auch da es eine große Historie hat. Ich erinnere mich noch früher, als es im Madison Square Garden war. Die Finals sind der Saisonabschluss der Besten, das hat schon etwas, eine spezielle Power und Atmosphäre. Das hat man auch letztes Jahr in Turin gemerkt.

Wer setzt sich da durch – einer der jungen Wilden oder einer der Erfahrenen?

Wer viel Selbstvertrauen hat und bei wem es läuft, ist Auger Alliassieme. Aber er hat viele Turniere zuletzt gespielt und auch gewonnen, da ist die Frage, ob die Kraft reicht. Sonst bin ich auf eine Sache wirklich gespannt: wie Djokovic spielt, mit seinen Turnierpausen und jetzt noch mal seiner Leistung in Paris. Er hat schon oft bewiesen, dass er genau dann da sein kann, wenn es drauf ankommt.

Interview: Thomas Jensen

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