Ist der Sport politisch? Darf er es sein? Oder soll es sogar? Die viel diskutierte Frage taucht in einer gewissen Regelmäßigkeit immer wieder auf. Gut, in der jüngeren Vergangenheit etwas öfter, schließlich gibt und gab es durch Olympia (Russland und China), die Formel 1 (Aserbaidschan, Saudi-Arabien, China, Katar) oder den diversen Großevents in Katar, von Hallenhalma bis zur Handball-WM hat das Emirat schon fast alles ausgerichtet, auch eine Menge Gesprächsbedarf.
Nun findet also auch die Fußball-WM im Gas-Paradies statt. Politische Meinungsäußerungen sind während des Turniers nicht erwünscht, das mussten die Kicker aus Dänemark schmerzhaft erfahren. Trainings-Shirts mit der Aufschrift „Menschenrechte für alle“, die auf die untragbare Situation der Gastarbeiter, der Homosexuellen oder auch der Frauen in Katar hinweisen sollten, wurden vom Weltverband FIFA verboten. Die Mannschaften sollten sich auf den Sport konzentrieren, hieß es.
Passend dazu sei eine kleine Anekdote in Erinnerung gerufen: Vor der Katar-Wahl 2010 wollte der französische UEFA-Präsident Michel Platini eigentlich für Konkurrent USA stimmen. Ein Élysée-Palast-Gespräch später mit Frankreichs damaligem Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Emir Tamim bin Hamad Al Thani stimmte er für Katar. Hatte natürlich nichts miteinander zu tun, sagt Platini. Dass sein Sohn ein Jahr später Europachef von Qatar Sport Invest wurde – auch nur purer Zufall.
Sport ist also immer auch politisch. Ob er will oder nicht. Und deswegen ist die Begründung der FIFA im Fall Dänemarks einfach nur Mist. Apropos Mist: Gianni Infantino. Dass ein offizieller WM-Botschafter Schwulsein als „geistigen Schaden“ bezeichnet, scheint den FIFA-Präsidenten nicht zu stören, denn der 52-Jährige schweigt dazu seit Tagen. Es ist ein ethischer Offenbarungseid, wie sich Infantino aus seiner Verantwortung windet.
Dabei könnte er dem Emir doch sogar aus dem Fenster seine Meinung zurufen, schließlich hat der Schweizer seinen Wohnsitz seit knapp einem Jahr nach Doha verlegt. Sogar zwei seiner vier Töchter sollen dort zur Schule gehen. In einem Land, in dem Frauen für nahezu alles die Erlaubnis eines männlichen Vormunds brauchen. Wie muss man als Vater drauf sein? Mit Sportpolitik hat das alles aber nichts zu tun, es sei einfach eine „einzigartige Gelegenheit“ gewesen, so Infantino.
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