„Wie weit wollen wir noch abrutschen?“

von Redaktion

Der homosexuelle Fan-Sprecher Dario Minden über die WM in Katar, Manuel Neuers Alibi-Protest und den DFB

Frankfurt – Dario Minden, 28, ist bundesweit bekannt, seit er bei einem Kongress des Deutschen Fußball-Bundes in diesem Spätsommer den katarischen Botschafter in Deutschland, Scheich Abdulla Mohammed S. A. Al-Thani, in perfektem Englisch direkt ansprach: „Ich liebe Männer. Sehen Sie ein, dass das normal ist. (…) Schaffen Sie die Todesstrafe ab und alle Strafen, die mit sexueller Identität zu tun haben.“ Die Botschaft ging in sozialen Netzwerken viral. Mit unserer Zeitung sprach er über die anstehende WM.

Herr Minden, werden Sie WM-Spiele vor dem Fernseher verfolgen?

Nein. Schade, denn ich mochte die WM immer sehr, bin ein Fußball-Nerd, der besonders die abwegigen Spiele um drei Uhr nachts immer zu schätzen wusste. Aber nicht dieses Mal.

Sie würden auch dann nicht reinschalten, wenn Deutschland im Finale stünde?

Nein.

Warum nicht?

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass sich durch private Konsumentscheidungen irgendetwas ändert an den großen Problemen, die wir im Zusammenhang mit diesem Turnier erleben. Es ist vielmehr eine Frage der individuellen Herangehensweise. Bei diesem Turnier kommt zu viel Übel zusammen, ich denke, ich möchte einfach verhindern, komplett abzustumpfen.

Sie sind aber ja Fußballfan und lieben den Sport an sich.

Natürlich, und mir ist auch klar: In Katar spielen die Besten der Besten gegeneinander. Es werden grandiose Tore fallen. Die Underdogs werden die Großen ärgern. Allein auf dem grünen Rasen wird es vermutlich ein Spektakel.

Das ist aber nicht Ihr Gradmesser?

Nein. Und ich frage mich: Ist denn nicht irgendwann mal ein Punkt erreicht, wo man aufhört zu sagen: „Wenn da auch viele tausend Menschen gestorben sind für dieses WM-Turnier, dann schaue ich trotzdem noch, weil die Unterhaltung so toll ist.“ Wie weit wollen wir denn noch abrutschen? Deshalb freu ich mich über alle, die sagen: „Das ekelt mich zu sehr an!“

Welche Stimmung herrscht bei Ihnen im Freundeskreis?

Da hat niemand Bock auf diesen Mist! Ich kann nicht behaupten, dass das repräsentativ sei, aber in meinem Fußball-Umfeld ist der Hass auf die FIFA und alle, die dazu beigetragen haben, dass der Weltfußball skrupellos über Leichen geht, groß.

Es gibt an den letzten Bundesligaspieltagen vor der mehr als zweimonatigen WM-Pause viele sichtbare Proteste in den Fankurven. Wie bewerten Sie die?

Das sind starke Bilder, die mich froh und stolz machen. Die viel gescholtenen Fußballchaoten in Deutschlands Kurven verfügen wohl über einen intakten moralischen Kompass, den der Spitzenfußball in seinen Entscheidungszentren verloren hat.

Fans von Newcastle United sind indes vergangenes Jahr in Jubelstürme ausgebrochen, als bekannt wurde, dass Saudi-Arabiens Staatsfonds den Klub übernimmt.

Das ist in der Tat ein erschreckendes Gegenbeispiel! Da hat ein furchtbares Regime sich aus politischem Kalkül überlegt, den Klub zu kaufen, um weiter ungestört den Jemen zerbomben, Schwule steinigen und Journalisten zersägen zu können. Ich bin aber tatsächlich überzeugt, dass wir mit unserer Fankultur in Deutschland ein anderes Bewusstsein dafür haben, wie wichtig im Fußball die Basis ist, wie wichtig die Menschen sind, die den Sport lieben und ihn auf einem demokratischen Fundament zu einem gesellschaftlichen Erlebnis machen.

Was erwarten Sie vom Deutschen Fußball-Bund, auch vor dem Hintergrund der engen Verflechtungen der deutschen Wirtschaft mit Katar und der Bemühungen der Bundesregierung um katarisches Flüssiggas?

Es ist ein Unterschied, ob Wirtschaftsminister Robert Habeck nach Katar fliegt, um Gas zu besorgen, damit in diesem Winter in Deutschland niemand frieren muss, oder ob sich die Nationalmannschaft zum Fußballspielen dorthin begibt, damit die Menschen hierzulande eine schöne Unterhaltung haben. Natürlich brauchen Deutschland und die EU globale Partnerschaften.

Was hätte der DFB tun sollen?

Er hätte 2010 sinngemäß sagen müssen „Wir werden nur daran teilnehmen, wenn jetzt erhebliche Arbeitsmarktreformen durchgesetzt werden. Der deutsche Fußball hat vielleicht in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, aber er wird nicht so tief sinken, an einem Fußballturnier auf Leichenbergen teilzunehmen.“ Dass man überhaupt darüber reden muss, nicht auf Leichenbergen spielen zu müssen, zeigt doch schon die Perversion.

Wie beurteilen Sie die Proteste einiger Nationalverbände gemeinsam mit dem DFB?

Man malt sich eine Binde bunt an – nicht mal in Regenbogenfarben – und erzählt etwas von Verantwortung. Aber letztlich fliegt man dahin und verdient sich eine goldene Nase. Ich sehe schon bei vielen im DFB ein ernsthaftes Bemühen, aber das reicht im Anbetracht der schweren Schuld, die gerade der DFB auf sich geladen hat, bei weitem nicht.

Wie bewerten Sie, dass Innenministerin Nancy Faeser nach einem Kurztrip gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf nach Katar eine „Sicherheitsgarantie“ für Schwule und Lesben mitbrachte?

Ich finde das bestenfalls naiv. Es wurde der Ministerin im Hinterzimmer ein hohles Versprechen gegeben, das ist nichts Neues. Gewiss ist es gut möglich, dass Katar es schafft, vier Wochen lang eine Fassade aufrechtzuerhalten. Das haben auch andere Länder schon geschafft. Allein darum geht es uns aber nicht.

Interview: Jan-Christian Müller

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