Gelsenkirchen –- Die Bayern hatten es eilig am Samstagabend, und Jamal Musiala nahm den direkten Weg zum Bus. Wann – und ob überhaupt – die beiden Propeller-Maschinen aus Köln/Bonn in Richtung Flughafen Manching abheben können würden, war nach dem 2:0 auf Schalke lange nicht klar; dichter Nebel lag in der Luft. Es musste also schnell gehen, was dem 19 Jahre alten Mann des Spiels gar nicht unrecht war. Statt selbst nach seinem 100. Pflichtspiel für den Rekordmeister bescheiden nach Worten zu suchen, ließ er lieber andere über sich sprechen. Das Ergebnis: Ausschließlich Superlative.
Als „Zauberei“ bezeichnete etwa Lothar Matthäus den Auftritt des Nationalspielers – und schob hinterher: „Das ist Messi-like.“ Damit meinte der Sky-Experte freilich die beiden Assists, mit denen Musiala mal wieder einen großen Anteil am Bayern-Sieg – dem zehnten hintereinander – hatte. Das 1:0 durch Serge Gnabry legte er per Hacke auf, beim 2:0 bediente er Eric Maxim Choupo-Moting nach einem Konterlauf mustergültig. Wäre sein 3:0 nicht wegen Abseitsstellung aberkannt worden, hätte es in keinem Rückblick auf sein mehr als überragendes Fußball-Jahr gefehlt. Dieser junge Mann, betonte Matthäus, dürfe den FC Bayern „nie verlassen“. Für den ehemaligen Weltfußballer ist Musiala schon jetzt nicht nur 100 Millionen Euro wert, sondern – Achtung! – „eine Viertelmilliarde“.
Wenn ein Lothar Matthäus ins Schwärmen kommt, dann schwärmt ein Lothar Matthäus. Allerdings bekräftigen auch die Zahlen die schmeichelnden Worte des 61-Jährigen. Seit Samstag ist Musiala mit neun Toren und sechs Assists alleiniger Topscorer der Liga, war wettbewerbsübergreifend in 22 Spielen an 21 Bayern-Toren beteiligt, zudem wird er als erster Teenager mit 100 Spielen für den FC Bayern gelistet. Manuel Neuer wollte ihn daher aus gutem Grund nicht mehr als „Juwel“ bezeichnen, sondern lieber als „geschliffenen Diamanten“. Der Kapitän fügte hinzu: „Er ist Gold wert für uns.“ Und soll das auch bei der WM in Katar sein.
Wer mit 19 Jahren als „Schlüsselspieler“ (Neuer) zu einem großen Turnier fährt, hat eine große Last zu schultern. Aber Musiala wirkt keineswegs so, als könne sie ihn auch nur ansatzweise erdrücken. Als „geerdet“ bezeichnete ihn Neuer, Nagelsmann ergänzte: „Er hört zu, will sich entwickeln.“ Auf Schalke hatte der Coach den Offensivspieler mal auf der Sechs eingesetzt. Seinem Drang zum Tor tat das keinen Abbruch – im Gegenteil. Musiala tauchte immer wieder vorne auf und setzte seine „Schlangenbeine“ (Nagelsmann) gewinnbringend ein. Er rannte und ackerte, eroberte Bälle, passte, zauberte.
Von einer „herausragenden Hinrunde“ sprach Nagelsmann, schon jetzt hat Musiala bessere Werte als am Ende jeder anderen Saison. Und kaum einer glaubt daran, dass sein Lauf bei der WM unterbrochen werden könnte. „Er wird in Katar und auch danach so weitermachen“, sagte Nagelsmann. Kein Gegner, sondern nur „eine Verletzung“ könne diesen Burschen stoppen: „Sonst wird er weiter so performen.“ Für die deutsche Nationalmannschaft sind das gute Nachrichten, genau wie übrigens die bestechende Form von Gnabry, mit dem Musiala bestens harmoniert.
Neuer ist sich sicher: „Jamal macht auch bei der WM den Unterschied.“ Lothar Matthäus sprach da etwas plakativer: „Das ist Hollywood!“ Also: Vorhang auf – für den Bayern-Messi!