Abu Dhabi – Er prägte 16 Jahre lang das Bild der Formel 1 mit: Sebastian Vettel. Als kritischer Geist, extrem schneller Pilot und von allen geschätzter Kollege. Und deswegen war eine seiner letzten Runden auch eine ganz besondere: Mitten in der Nacht ging es mit einer Jogging-gruppe einmal rund um den 5,281 Kilometer langen Yas Marina Circuit in Abu Dhabi. Er hatte das gesamte Aston-Martin-Team eingeladen, aber auch Mick Schumacher wollte sich den Abschied nicht entgehen lassen. Vorab wurden Hunderte weiße T-Shirts verteilt. Die Aufschrift auf der Vorderseite lautete: „Danke Seb“. Er selbst hatte als Schriftzug „Danke F1“ gewählt. Zahlreiche Weggefährten waren dabei, allen voran Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali. Vater Norbert und Vettels Frau Hanna waren ebenfalls gekommen.
„Danke, Formel 1, für die ganzen Jahre und danke dem Fahrerlager“, sagte Vettel, ehe er sich mit seinen Freunden und Bekannten auf die Runde machte. Der 35-Jährige will künftig mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich neuen beruflichen Projekten widmen.
Der Formel 1 geht damit ein echtes Aushängeschild verloren, das merken die Kollegen schon jetzt. Alte Weggefährten drängen den viermaligen Weltmeister schon in eine neue Rolle. Er besitze „sicher das Potenzial und die Persönlichkeit“, um Fahrercoach oder Teamchef zu werden, meinte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko bei Sky. Auch die Fahrer George Russell (Mercedes) und Charles Leclerc (Ferrari) halten Vettel für vollauf geeignet für eine Teamchef-Rolle.
Allerdings, so gab Marko (79) zu bedenken, gehen Vettels Gedanken derzeit „mehr Richtung Umwelt und Nachhaltigkeit. Und da ist eine Diskrepanz zu unserem Sport.“
Und was sagt Vettel selbst zu den Avancen? Er freue sich zunächst mal darauf, 2023 „keine Verpflichtungen“ zu haben. „Dieser Freilauf wird für mich sehr spannend. Aber natürlich brauche ich irgendwann was zu tun.“ Er könne sich „nicht der Tatsache verschließen, dass ich sehr viel Herzblut für den Motorsport habe“, erklärte der 53-malige Grand-Prix-Sieger. Zunächst will der Hesse sein soziales Leben besser pflegen. „Ich kann mich nun viel mehr um Beziehungen und Freundschaften kümmern. Auch außerhalb der Familie. Wenn man jedes zweite Wochenende unterwegs ist, ist es häufig schwer, den Kontakt zu halten“, sagte er der „BamS“. „Und Monate später fällt einem auf, dass man auf eine Nachricht nie geantwortet hat – und man hat ein schlechtes Gewissen.“
Nun wird sich also gekümmert, kündigte Vettel an. „Ich habe hier viele Freundschaften geschlossen. Und nun wird endlich genug Zeit sein, sich in Ruhe zusammenzusetzen und zu reden.“ Mit wem will er alles sprechen? „Vielleicht werde ich Menschen wie Helmut Marko in einem seiner Hotels in Österreich besuchen. Ihn oder auch andere außerhalb der Rennstrecke zu treffen, ist natürlich etwas ganz anderes.“ Er muss halt nur aufpassen, dass er nach diesem Besuch nicht plötzlich Teamchef ist …
Im letzten Rennen auf Rang 10 Bei seinem letzten Einsatz als Fahrer, seinem 299. Grand Prix (53 Siege), landete Vettel am Sonntag auf dem zehnten Rang und ergatterte damit noch einmal einen Punkt. Der alte und neue Weltmeister Max Verstappen entschied auch das Finale für sich, feierte im Red Bull seinen 15. Saisonsieg. Mick Schumacher, der sein Cockpit beim Haas-Team verliert und nächste Saison nicht mehr zu den Stammpiloten der Formel 1 zählt, kam zum Abschluss als 16. ins Ziel.