Ar-Rayyan – Entfernung zum Tor: 18,5 Meter. Die Geschwindigkeit, die der Ball auf diesem Weg erreichte: 34 km/h – ein Kinderfußballwert. Die Daten, die die FIFA zu diesem Schuss erhob, lassen nicht erahnen, was er bewirkte: Er führte in der 81. Minute zur Entscheidung beim Spiel zwischen Costa Rica und Japan, er veränderte und erhellte die Turnierperspektive auch für die deutsche Mannschaft ungeachtet deren Partie mit Japan später am Tag. Und natürlich führte dieser Schuss dazu, dass die Emotionsskala an beiden Enden bespielt wurde.
Costa Rica, zuvor von Spanien 0:7 versohlt worden, hat sich mit dem 1:0-Sieg über Japan seine Ehre zurückgeholt und in der Gruppe E die Chance aufs Achtelfinale gewahrt, während den „Blue Samurai“, dem eben noch stolzen Deutschland-Bezwinger, eine historische Chance aus den Händen glitt. Japan hatte das Geschehen zunehmend in den Griff bekommen, drängte massiv und selbstbewusst auf das Tor – bis drei Spieler zusammen eine Fehlerkette bastelten.
Bei einem der seltenen Angriffe der Mittelamerikaner spielte Maya Yoshida den Ball zu schlampig aus dem japanischen Strafraum, Hidemasa Morita konnte ihn nicht sauber verarbeiten, er sprang zu Mittelfeldspieler Keysher Fuller, der die Chance erkannte. Japans Tormann Shuichi Gonda stand ein gutes Stück vor seinem Kasten, da würde sich ein angeschnittener Heber gut machen. Auch hierzu gibt es Daten aus dem Statistik-Fundus: eine Rotation von über zehn Prozent. Kunstvoll ins Eck gezirkelt.
Die Japaner wirbelten vor und nach dem Gegentor intensiv, produktiv waren sie halt nicht. Tiefpunkt der Unzulänglichkeiten im Abschluss war eine Szene in der 88. Minute mit doppeltem Scheitern an Costa Ricas Keeper Keylor Navas. Hajime Moriyasu, der japanische Trainer, ließ es sich nicht anmerken, falls er konsterniert war: „Das Spiel war kein kompletter Fehler“, sagte er, „wir hatten totale Kontrolle. Und wir sind davon ausgegangen, dass es auf ein drittes Spiel in der Gruppe ankommen wird.“ Das bestreitet Japan am Donnerstag gegen Spanien, und auf einmal ist die Ausgangslage wieder kompliziert. „Ich denke aber, dass wir eine Chance haben, Spanien zu besiegen.“
Moriyasu kündigte an: „Wir werden die Spanier fordern.“ Costa Rica ist das statistische Schwergewicht an Effizienz. Im Turnierverlauf jeder Torschuss ein Treffer. Der gegen Japan war halt der einzige, gegen Spanien hatte es nicht einmal zu einem versuchten Abschluss gereicht. „Aber so schlecht sind wir nicht, das war kein 0:7-Spiel, wir sind nicht tot“, hatte Trainer Luis Fernando Suarez nach dem erschütternden Ergebnis gesagt. Nun sah er sich bestätigt: „Wir sind am Leben.“ Es ging dem Coach diesmal nicht um Taktik und Technik, sondern darum, die Mannschaft an der Ehre zu fassen. Die Losung lautete: „Solidarisch sein, als Gruppe zusammenhalten. Und hundert Prozent für unser Land.“ Er übernimmt sie auch für das Endspiel gegen Deutschland. „Wir waren voller Schmerz, doch haben eine Last von unseren Schultern genommen“, meinte Torschütze Fuller. „Wir haben wieder Selbstvertrauen.“ Auch gegen Deutschland.