Ar-Rayyan – Die Tränen der Erlösung waren getrocknet – doch seine großen Gefühle konnte Robert Lewandowski auch lange nach dem Spiel noch nicht verbergen. Emotional wie selten rang der Weltfußballer nach seinem ersten WM-Tor nach den passenden Worten.
„Es ist schwierig zu beschreiben, was ich fühle“, sagte ein bewegter Lewandowski nach Polens 2:0 (0:0) gegen Saudi-Arabien: „Ich hatte diesen Traum in mir, von Kindheit an. Dieser Traum ist wahr geworden, es bedeutet mir so viel.“ Er sei „so stolz“.
Lange 442 Minuten hatte der 34 Jahre alte Torjäger, der sonst quasi immer trifft, bei seinen bisherigen fünf WM-Spielen auf diesen bedeutenden Moment warten müssen. Entsprechend losgelöst war auch seine Reaktion, als ihm in der 82. Minute im Education-City-Stadium das wichtige 2:0 gelang und er seinen WM-Fluch beendete.
„RL9“ ließ sich bäuchlings auf den Rasen fallen – und weinte. Als sich die rot-weiße Jubeltraube aufgelöst hatte, wischte sich der Stürmerstar des FC Barcelona, der schon die Führung durch Piotr Zielinski (39.) mustergültig vorbereitet hatte, die Tränen aus dem Gesicht. Vergessen war bei seiner wohl letzten WM der Elfmeter-Fehlschuss zum Auftakt gegen Mexiko (0:0). „Wir freuen uns alle mit ihm. Ich weiß, wie viel Robert das bedeutet“, betonte Trainer Czeslaw Michniewicz.
Doch mit Blick auf das Achtelfinale haben Lewandowski und seine Polen noch gar nichts geschafft. Die Lage in Gruppe C ist eng, ein Punkt reicht zum erstmaligen Einzug in die K.o.-Runde nach 36 Jahren – doch es geht im „Finale“ am Mittwoch immerhin gegen Argentinien um Superstar Lionel Messi.
Die Argentinier tanzten und hüpften und sangen inbrünstig, in der Kabine herrschte pure Erleichterung nach dem erlösend-befreienden Sieg im stimmungsreichen ersten Lateinamerika-Gipfel dieser WM. „Weil es nun wieder nur an uns liegt“, betonte Messi. Lange ließ er auf sich warten bei der schon nächtlichen Pressekonferenz nach seiner Kür zum „Man of the Match“. Sein 167. Länderspiel, sein 21. WM-Spiel mit dem 93. Länderspiel- und dem achten WM-Tor – ein besonderes Spiel.
Eines mit der Einstellung der Weltmeisterschafts-Marken von Diego Armando Maradona, der argentinischen Fußball-Legende, die zwei Jahre und einen Tag vor dem erlösenden Sieg seiner fußballerischen Erben mit nur 60 Jahren gestorben war. Vor allem aber eines, in dem Messi wieder traf und die Mannschaft zum Erfolg führte.
„Die Familie leidet, die Freunde leiden“, sagte Trainer Lionel Scaloni nach dem 2:0 über Mexiko. Von Assistent Pablo Aimar, mit dem Messi einst bei der WM 2006 in Deutschland noch zusammenspielte, kursierten sogar Aufnahmen, die ihn nach der 1:0-Führung schluchzend auf der Bank zeigen. „Es ist sehr emotional, die Jungs spielen zu sehen“, erklärte Scalonni, auch einst Profi und Nationalspieler des fußballverrückten und stolzen Landes.
Selten zeigte sich der 35-Jährige Messi, den Inter Miami verpflichten will, so befreit wie an diesem späten Samstagabend in Lusail, nur vier Tage, nachdem er dort mit hängendem Kopf und hängenden Schultern über den Platz nach der 1:2-Auftaktblamage gegen Saudi-Arabien geschlichen war und das ganz frühe Aus bei seiner letzten WM drohte.
Abgewendet ist das nun auch noch nicht, aber vor dem Showdown mit Weltfußballer Robert Lewandowski und dessen Polen am kommenden Mittwoch macht Messi eine klare Ansage: „Wir wussten, dass wir heute gewinnen mussten, dass eine andere Weltmeisterschaft dann für uns beginnt, und wir haben es geschafft.“
Auch ein anderer Superstar sorgte am Wochenende wieder für Aufsehen. Die Lobeshymnen auf Kylian Mbappé erklangen von allen Seiten. „Er ist ein Ausnahmespieler, der für uns immer den Unterschied machen kann“, sagte Trainer Didier Deschamps nach der nächsten Gala-Vorstellung des französischen Superstars. Talent mache „immer den Unterschied“, fügte Abwehrchef Raphael Varane an, nachdem sein Teamkollege den Titelverteidiger mit einem Doppelpack zum 2:1 (0:0) über Dänemark und damit ins WM-Achtelfinale geschossen hatte.
Neymar postete indes auf Instagram ein Foto seines Unterschenkels samt Fußgelenk, und die Schwellung nach seiner Bänderverletzung nimmt tatsächlich ab. „Auf geht’s“, schrieb der Fußball-Superstar. Für das Spiel gegen die Schweiz wird Neymar noch ausfallen, Nationaltrainer Tite stehen aber hochkarätige Ersatzleute im Sturm zur Verfügung.
„Neymar ist natürlich ein außerordentliches Talent. Aber Brasilien hat viele große Talente, wir glauben auch an unsere anderen Spieler“, betonte der Coach: „Wir haben Optionen.“ Man habe auch ohne Neymar „100 Prozent Vertrauen“, ergänzte Abwehrspieler Marquinhos: „Wir können mit Ausfällen umgehen.“ Er sehe im Teamcamp mittlerweile auch wieder „einen zuversichtlichen Neymar, der sehr fleißig für seine Genesung arbeitet“, so Marquinhos weiter. Der Offensivkünstler werde „24 Stunden am Tag“ behandelt.