München – Michael Reschke (65) kennt den deutschen Fußball wie kaum ein anderer. Der langjährige Bundesliga-Manager (Leverkusen, FC Bayern, Stuttgart, Schalke) und aktuelle Head of European Football der Berater-Agentur ICM Stellar spricht im Interview mit unserer Zeitung über das DFB-Beben.
Herr Reschke, wie beurteilen Sie das deutsche WM-Abschneiden?
Gleich vorweg: In den Wettbewerb der dunkelsten Schwarzmalerei werde ich nicht mit einsteigen. Rein ergebnistechnisch: Im Spiel gegen Japan wäre eine 2:0-Führung hochverdient gewesen. Wir hätten dann sicher nicht verloren und wären somit weitergekommen. Das wäre auch geglückt, wenn Spanien erwartungsgemäß gegen Japan gewonnen hätte. In beiden Fällen würde es die gesamte Diskussion nicht geben und wir hätten voller Vorfreude dem Achtelfinale gegen Marokko entgegenfiebern. Richtig oder falsch?
Richtig.
Sehen Sie. Was auch deutlich zu kurz kommt, ist die Anerkennung der Leistung der Japaner. Mit Siegen gegen uns und Spanien, sowie beim unglücklichen Ausscheiden gegen Kroatien haben die Japaner ihre internationale Klasse bewiesen. Spieler wie Endo, Kamada und Doan spielen in der Bundesliga in ihren Klubs eine herausragende Rolle. Ein Sieg gegen Japan, der natürlich möglich gewesen wäre, ist aber auch definitiv keine Selbstverständlichkeit mehr.
Trotzdem muss der Anspruch von Deutschland sein, Japan zu besiegen.
Wenn man das WM-Halbfinale erreichen will, muss es natürlich der Anspruch sein gegen Japan zu gewinnen. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass dies eine echte Herausforderung ist und keine selbstverständliche Pflicht. Die Art und Weise, wie jetzt auf Team und Umfeld raufgenagelt wird, ist leider typisch deutsch und unverhältnismäßig.
Woran lag der vorzeitige WM-K.o. ?
Es war schon vor dem Turnierstart bekannt, dass es auf gewissen Positionen Probleme gibt. Ich habe höchsten Respekt vor Niclas Füllkrug. Was er in dieser Bundesligasaison geleitet hat ist Top und sein Tor gegen Spanien war Extraklasse. Und ja – er wäre gewiss eine Alternative für mehr Spielzeit gewesen, aber man sollte ihn nicht zum Weltklasse-Mittelstürmer hochhieven, denn das ist er nicht. Ich schätze auch David Raum, aber dass wir auf den Außenverteidiger-Positionen nicht top besetzt sind, ist schon länger bekannt.
Was noch?
Nehmen wir das Spiel gegen Costa Rica. Da wurde im Vorfeld teilweise gefordert wir hätten einen 8:0-Sieg, der ja sicher das Weiterkommen bedeutet hätte, öffentlich als Ziel ausgeben müssen. Dies zu formulieren wäre dumme Arroganz gewesen. Dabei hat man im Spiel von Anfang gespürt, dass das Team intern diese Vision sogar hatte. Wir sind sehr gut gestartet, hatten früh Torchancen und durch Serge Gnabry schnell das 1:0 erzielt. Der Jubel war recht verhalten und man hat direkt wieder auf den Anstoß gewartet. Es war zu spüren, dass die Mannschaft brennt und auf Torjagd gehen will. Mit jeder Minute, in der wir dann keinen weiteren Treffer erzielt haben, wurde der psychische Ballast auf den Schultern einiger Spieler dann immer schwerer, es schlichen sich zu viele einfache Fehler im Spielaufbau ein. Das drohende Ausscheiden hat dann teilweise gelähmt und erst am Ende des Spieles, als es ganz wild wurde, konnten wir dann die weiteren Tore erzielen.
Wie viel Schuld trägt Bundestrainer Hansi Flick?
Hansi wird mit seinem Trainerstab vieles hinterfragen und würde sicher jetzt einiges anders machen. Hinterher ist man immer schlauer. Aber als Trainer muss er vorher viele Entscheidungen treffen und manchmal liegt dann richtig oder falsch ganz nahe beieinander. Ein Beispiel: Hansi wurde kritisiert, weil er gegen Costa Rica Kimmich als Rechtsverteidiger und Müller als Mittelstürmer aufgestellt hat. Gleich zu Beginn landete eine Traumflanke von Kimmich bei Müller, der per Kopf knapp am Tor vorbei zielte. Müller ist eigentlich sehr treffsicher in diesen Situationen. Wäre da das 1:0 gefallen, hätten viele Kritiker Flick gelobt. Im Fußball ist nicht alles planbar und die Dynamik eines Spiels verändert in einer einzigen Szene Grundlegendes. Wenn dies dann, wie bei der WM mit dem bitteren Ausscheiden endet, prügelt das auf die deutsche Volksseele ein und es führt zu extrem überzogener, unsachlicher Kritik.
Auch über den Einfluss der Binden-Debatte wurde viel diskutiert.
Es gab zu viele Begleitumstände, die man sicher auch kritisch hinterfragen muss. Der Diskussion um die Spielführerbinde wurde eine überzogene Bedeutung beigemessen und dies hat zu sehr von einer sportlichen optimalen Vorbereitung abgelenkt. Die vielen Probleme im Vorfeld massiv anzuprangern war definitiv richtig. Während der WM wäre es aber korrekt gewesen, man hätten den Spielern das Recht eingeräumt sich auf den Sport zu konzentrieren. Die Nationalmannschaft war somit Leidtragender, ganz gewiss nicht Verursacher.
Welchen Anteil hat Oliver Bierhoff am erneuten Scheitern des DFB?
Ich habe unter anderem gelesen, dass der neue Campus überdimensioniert sei und Bierhoff es nicht geschafft habe, seine Ideen in Sachen Nachwuchsfußball in die Bundesliga-Klubs zu implementieren. Geht’s noch?! Im Campus ist vieles extrem innovativ und wird den deutschen Fußball in den kommenden Jahren wichtige Dienste leisten. Daran hat Oliver großen Anteil – vermutlich sogar den größten. Was die Kritik an der Ideen-Implementierung in den Bundesliga-Nachwuchs angeht: Dies ist Aufgabe der Klubs, Ihrer NLZ-Verantwortlichen und den Jugendtrainern und gewiss nicht Thema von Oliver Bierhoff. Ich habe während meiner Managerzeit in der Bundesliga etliche Gespräche mit Oliver geführt. Er war immer kreativ über den Tellerrand blickend, interessanten Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen und hat wichtige positive Prozesse angeschoben. Einfach ein sachlich, guter Typ.
Was hat ihn zum Rücktritt bewogen?
Diese Flut von völlig überzogener Häme war vermutlich für seine Familie und ihn nicht mehr zu ertragen. Die Art und Weise, wie er teilweise von Journalisten und auch Ex-Nationalspielern angegriffen wurde, war unverschämt und hatte teilweise Züge einer Hetzjagd. Es ging nicht um eine sachliche, faire Analyse, sondern darum einen Schuldigen zu suchen und den dann durchs Dorf zu jagen. Dies hat vermutlich zu seiner Rücktritts-Entscheidung beigetragen. Glücklicherweise ist Oliver sehr stabil und wird gewiss auf Strecke damit zurechtkommen.
Im Gespräch ist die Reinstallation eines Sportdirektors. Was braucht man für diese Position?
Wichtig wäre eine sportlich komplexe Erfahrungspalette, im Idealfall als Spieler und Trainer sowie mit wichtigen Einblicken in den Nachwuchsbereich, dem Scouting und einem guten Gefühl für die Sportwissenschaft. Zudem benötigt man emphatische Intelligenz, muss Gruppen und Teams führen können, Diskussionsrunden leiten, Strahlkraft in die Vereine besitzen und natürlich auch das Medienspiel beherrschen. Der Sportdirektor sollte fleißig, belastbar und deutschsprachig sein, da Kommunikation das A & O ist. Aus meiner Sicht wäre Michael Zorc eine Toplösung. Sicher ist: Der DFB-Sportdirektor kann nur stark sein, wenn er Entscheidungsbefugnisse besitzt und die Prozesse zur Umsetzung seiner Ideen sinnvoll sind.
Interview: Philipp Kessler