Al-Rayyan – Diese Jubelszenen wird auch das Finale der WM nicht übertreffen können. Der Trainer des Siegers wurde von seinen Spielern hochgeschleudert, und der heldenhafteste unter den Helden lachte sein Der-Tag-meines-Lebens-Glück heraus, zeigte immer wieder triumphierend die Faust. So ging es im Stadion Education City nach der Sensation des Achtelfinales zu: Marokko ist weiter, Spanien draußen. Nach einem 0:0 nach Verlängerung entschied das Elfmeterschießen. In der vierten Runde das Ende. Mit einem 3:0 für Marokko, für das Sabiri, Zyech und Hakimi trafen; nur Benoun war nicht erfolgreich.
Doch alle drei Spanier, die nach Einteilung und Ansprache durch Kapitän Sergio Busquets an den Punkt traten, scheiterten an Yassine Bounou, genannt Bono und – das macht die Geschichte aberwitzig – Torwart beim FC Sevilla. Wie ein Flugkünstler im Varieté fischte der in Kanada geborene Marokkaner die Schüsse von Sarabia, Soler und Busquets aus dem Eck. Nach diesem Halten gab es kein Halten mehr für Marokkos Kader, Trainer Walid Regragui, erst seit Ende August 2022 im Amt, verriet Achterbahngefühle, als man ihn hochleben ließ. „Es ist Gefühl, Glück, ich weiß nicht, kann das noch nicht realisieren“, sagte Bono, der Unterschiedsmacher. „Wir haben gegen das am Ball beste Team der Welt gewonnen“, strahlte Regragui. Die Leistung erscheint noch gewaltiger, wenn man weiß, „dass wir viele Verletzte haben“. Was jedoch alles wettmachte: der Zusammenhalt. „Wir sind eine Familie.“ Spanien spielte sich mit 1063 Pässen – dreimal so viele wie Marokko – wund.
Zwingendste Chance war in der dritten Minute der Verlängerungsnachspielzeit, also auf den letzten Drücker, ein Pfostenschuss von Sarabia. Schon in der ersten Halbzeit (26., Asensio) hatte Spanien einen Lattenknaller verzeichnet. Die Überlegenheit wurde aber insgesamt nicht umgesetzt. Die Schönspieler ließen sich in einen klassischen Abnutzungskampf verwickeln, die Trikots (diesmal hellblau, weil Marokko als nominelles Heimteam Rot beanspruchte) wurden von Erde befleckt. Überhaupt war es ein Auswärtsspiel für den Ex-Welt- und Europameister.
Die Mehrzahl der Fans kam aus Marokko, schon bei der Hymne war die Inbrunst von Spielern und Fans spürbar. Wenn die Spanier es wagten, eine Ballstafette aufzuziehen, mussten sie das gegen eine Klangwolke aus Pfiffen tun. Spaniens Trainer Luis Enrique sagte: „Die Atmosphäre war wunderbar. Ein tolles Spiel für Kinder auf der ganzen Welt.“ Seinen Spielern machte er keinen Vorwurf: „Sie haben meinen Plan zu 99 Prozent befolgt.“ Ob er weitermacht, ist offen: „Mein Vertrag endet. Ich bin glücklich mit dem Verband, aber seine Entscheidung kenne ich nicht.“