Der Titel, den Oliver Bierhoff zuletzt trug, lautete: Geschäftsführer Nationalmannschaften und Akademie. Die Funktionen, die er am Ende ausübte, klangen weniger nach einer Karriere, die ihren Höhepunkt erreicht hatte: Blitzableiter, Watschenmann, Generalschuldiger des deutschen Fußballs. Bei Oliver Bierhoff hat sich vieles gewandelt: die Jobbeschreibung – er fing ja als einfacher Teammanager an vor achtzehneinhalb Jahren –, die Wahrnehmung, die Erfolgsbilanz. Er schuf ein Imperium, in dem der Sport nach wirtschaftlichen Prinzipien geführt wurde, und erreichte die eigenen Zielvorgaben („Zurück zur Weltklasse“) nicht mehr. Die Konsequenz in einer Oliver-Bierhoff-Welt ist dann eben die Trennung.
Trotzdem darf man eine Bilanz ziehen, die positiv ausfällt. Denn als Bierhoff 2004 antrat, waren der DFB und der deutsche Fußball in allen Punkten rückständig. Oliver Bierhoff hat mit vielen Aktionen die Symbolik überdreht – man denke an eine Kaderpräsentation auf der Zugspitze oder sein (zum Glück nicht realisiertes) Vorhaben, im 2010er-Teamhotel in Südafrika die Gefängniszelle von Nelson Mandela nachzubauen –, doch sein Ansatz war gut: Er vermittelte den Spielern Wertschätzung mit für sie zurechtgebauten Unterkünften, und gleichzeitig forderte er sie, indem er ihren Horizont erweiterte. Zu Kamingesprächen und Vorträgen kamen Kletterer, Weltumsegler, paralympische Athleten, Rugbyspieler. Basketballer zeigten, wie sie Verteidigungsarbeit leisten. Die Spieler wurden aufgefordert, auch mal ein Buch zur Hand zu nehmen, sich Fragen für die Bundeskanzlerin auszudenken oder sich von einem Uhrmacher in seine Kunst einführen zu lassen. Es entstand eine neue und eine gute Kultur in der Nationalmannschaft. Weltmeistermacher war auch Bierhoff.
Allerdings entstand dann auch eine Struktur im Verband, in der der erfolgreiche Oliver Bierhoff immer mächtiger wurde und in der Widerrede unterblieb. Niemand konnte ihn – und das war dann die nicht so fruchtbare Phase seines Wirkens – in seinem Marketingwahn einbremsen. Es wurde nicht angemahnt, dass die Nationalmannschaft einen echten Teammanager brauche, wenn Bierhoff selbst in Direktoren- und Akademie-Sphären schwebte. Er wirkte so entrückt, dass er nicht mehr (an)greifbar schien – deswegen ist es jetzt eine Überraschung, dass er ohne finalen Widerstand seinen Platz beim DFB räumt.
Es ist vielleicht sogar mehr Schock als Erleichterung. Selbst für die Kritiker, denen Bierhoff ein verlässliches Feindbild war. Sie finden sich vor einer großen Leere wieder. Und man sollte nicht unterschätzen, dass Bierhoffs Abgang die trifft, die das berechtigte Gefühl hatten, sich auf ihn verlassen zu können – wie Hansi Flick, für den ernsthaft ein Stück Identifikationsfläche wegbricht. Managementwechsel sollten nichts Außergewöhnliches sein – im Emotionsgeschäft, das der Fußball immer bleiben wird, sind sie es dennoch. Der Gedanke, dass jetzt jemand von außen reinkommt, der mit der Sache nicht gewachsen ist, wirkt befremdlich.
Guenter.Klein@ovb.net