Frankfurt – Zum doch recht überstürzten Abschied zu einer ungewöhnlich späten Zeit am Montag hat Oliver Bierhoff eine persönliche Erklärung abgegeben. Sie liest sich zweigeteilt. Erstens übernimmt der 54-Jährige nach 18 anfangs überaus erfolgreichen, am Ende aber auch lähmenden Jahren die politische und operative Mitverantwortung für das zweifache Scheitern in Folge in den Gruppenspielen der Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar. Zweitens verweist der einstige Visionär aber auch selbstbewusst auf das, was er beim Deutschen Fußball-Bund in jahrelanger Überzeugungsarbeit durchgesetzt hat: den DFB-Campus mit der Innovations-Akademie auf der alten Galopprennbahn in Frankfurt.
Den 150 Millionen teuren Bau könnte man jetzt in Oliver-Bierhoff-Campus umbenennen. Denn eines ist unzweifelhaft: Ohne die Hartnäckigkeit des Ex-Nationalspielers, der draußen wenig geliebt und drinnen doch meist geschätzt wurde, wäre dieses Zukunftsprojekt niemals zustande gekommen. Er hat verdammt dicke Bretter gebohrt. Darauf darf er zurecht stolz sein. Der Campus ist sein Lebenswerk, genau wie sein Anteil am WM-Titel 2014, für den er mit einer halsbrecherischen Entscheidung den Grundstein legte.
Hinter dem „Campo Bahia“, der Unterkunft in Brasilien, steckt ein typisches Bierhoff-Konzept. Der über ein Fernstudium parallel zu seiner Profikarriere zum Diplom-Kaufmann gelangte ehemalige Strafraumstürmer pflegt grundsätzlich, groß zu denken. Die kleinen Karos sind ihm immer fremd geblieben. Die Niederungen des Amateurfußballs ebenso. Das mag auch daran liegen, dass er aufgrund seines Elternhauses bescheidene Lebensumstände nie erlebt hat. Daheim am Starnberger See besitzt der Unternehmersohn ein opulentes Anwesen. Geld genug hat er verdient in seiner aktiven Karriere, danach mit einer florierenden Werbeagentur und 18 Jahren als Führungskraft beim DFB.
Er musste als Profi einige mühselige Umwege gehen und schmerzliche Rückschläge hinnehmen, ehe die Laufbahn spät in Italien Fahrt aufnahm. Nach seinem „Golden Goal“ als Einwechselspieler bei der EM 1996 wurde er zur Werbeikone. Dennoch fühlte er sich als Fußballprofi nie ganz anerkannt. Gerne verwies er darauf, dass der „Anti-Kicker” immerhin zweimal Torschützenkönig in der Serie A wurde. Er hat sich immer irgendwie durchgesetzt, auch gegen Anfeindungen.
Karl-Heinz Rummenigge schalt ihn einst die „Ich-AG vom Starnberger See“, Uli Hoeneß wütete, Bierhoff solle „diese permanenten Schlaumeiereien“ sein lassen, Rudi Völler riet ihm zu mehr Demut und einem Besuch beim Orthopäden („Das permanente Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen muss doch schmerzhafte Schädigungen nach sich ziehen“). Der alerte Bierhoff ging seinen Weg unverdrossen, auf dem Platz wie später daneben. Er modernisierte den rückständigen Verband, seine Methoden strahlten auch auf die tradierten Managementstrukturen in vielen Clubs ab.
Anerkennung war ihm wichtig. Er sprach schon im Jahr vor dem WM-Titelgewinn davon, die Nationalmannschaft sei „quasi die vierte Macht“ im Staate Deutschland. Bescheidenheit war seine Sache nie. Aber er hat dann auch meist geliefert. Lediglich die Marke „Die Mannschaft“ polierte er irgendwann zu blank, und er verstand nicht, warum die Menschen im Land seinen Ideen nicht mehr folgen wollten. Der Anfang vom Ende.
In Oliver Bierhoff verlässt ein durchaus eitler Mensch den DFB. Die Spieler dankten ihm seinen Weg lange mit Erfolgen. Aber nicht lange genug, um für Bierhoff den Kreis 2024 zu schließen.
JAN CHRISTIAN MÜLLER