Doha – Die Argentinier sind eingeschnappt. Wegen der Kritik in den Medien, vor allem in den europäischen. Sie sollen sich daneben benommen haben im Viertelfinale gegen die Niederlande – mit hämischen Gesten, mit absichtlich auf die Bank des Gegners gedroschenen Bällen? Und sogar der angebliche Herr Messi auch nur ein gewöhnlicher Aggressor?
Lionel Scaloni, der Trainer, der als Spieler die Geschichte hat, 2006 beim Viertelfinale in Berlin gegen Deutschland schon mal ein ausuferndes K.o.-Spiel erlebt zu haben, sagt: „Man sollte aufhören, diese Vorstellung von uns zu haben.“ Er erinnert an die Copa America im vergangenen Jahr, als zwischen seinen Argentiniern und Brasilien friedlichstes Einvernehmen herrschte: „Da sind Messi und Paredes mit Neymar in Maracana zusammengesessen. Sportsmänner unter sich.“ Oder: „Nach unserer Niederlage zum Auftakt hier gegen Saudi-Arabien haben wir auch nichts gesagt“ – obwohl es Grund zur Beschwerde gegeben hätte, wie Scaloni findet. „Der Schiedsrichter muss für Gerechtigkeit sorgen.“ Tat er aus seiner Sicht nicht immer.
Und die Emotionen gegen die Holländer: „Kann passieren, wenn zwei Teams um den gleichen Traum kämpfen. Wir sind keine Maschinen. Kann jederzeit wieder geschehen“, sagt Verteidiger Nicolas Tagliafico, der sich im Viertelfinale auch von den Emotionen hatte mitreißen lassen, obwohl er mit einigen der Gegenspieler gut bekannt ist – er spielte vier Jahre für Ajax Amsterdam. Was neben dem Benehmen sonst noch auffällt bei der Albiceleste: Sie kommt regelmäßig in Schwierigkeiten in den letzten Minuten einer regulären Spielzeit. Sogar Australien rückte ihr im Achtelfinale noch auf die Pelle, Argentinien gewann nur 2:1. Gegen die Niederlande zerbröselte eine 2:0-Führung. „Die langen Nachspielzeiten, die es bei dieser WM gibt, schaffen Unsicherheiten“, erklärt Scaloni – „auf einmal bekommst du ein Gegentor.“ Die neue Regelung der FIFA verändere die Struktur der Spiele, „daran muss man sich erst gewöhnen“.
Gewöhnt hat Argentinien sich daran, dass es „seit dem zweiten Spiel nur noch entscheidende Spiele“ hat. Zum Auftakt war es von Saudi-Arabien geschockt worden, hatte 1:2 verloren, wobei drei Tore von Messi und Co. wegen Abseits nicht anerkannt worden waren. „Aber wir haben unsere Erfahrungen gemacht in diesem Turnier, das wird uns helfen“, sagt Tagliafico.
Die Fans haben auch nach dem Schock zu Turnierbeginn zu ihrer Mannschaft gestanden. „Wir wissen das zu würdigen, dass sie hier sind, das kostet viel“, weiß Lionel Scaloni. Im Lusail Stadium mit seinen fast 89 000 Plätzen wurden fast nur argentinische Trikots getragen. Die Hoffnung, dass die Südamerikaner nach 1978 und 86 endlich zum dritten WM-Titel kommen, ist greifbar.
Lionel Messi dreht auf wie lange nicht. Doch Bora Milutinovic, 78, und ein Faktotum des internationalen Fußballs und bei dieser WM als weiser Beobachter unterwegs, will festgestellt haben, „dass bei den Argentiniern nicht Messi überragt, sondern der Trainerstab“. Scaloni sagt: „Das ist natürlich ein großes Lob aus dem Munde eines großen Mannes.“ Doch er selbst würde sein Wirken nicht in den Vordergrund stellen. „So viele Schlachten habe ich in diesem Amt noch nicht geschlagen.“ Seine größte ist heute.
Sein Gegenüber Zlatko Dalic ist da schon etwas erfahrener. „Ich bin von Natur aus Optimist. Ich vertraue meinen Spielern“, sagte Kroatiens Nationaltrainer. „Wir spielen gegen das großartige Argentinien mit ihrem Lea-der Lionel Messi. Aber sie stehen vielleicht etwas mehr unter Druck als wir.“ Wohl wissend, dass er mit Luka Modric selbst einen großen Mittelfeldkünstler aufs Feld schicken kann. Kroatiens Anführer hat sich ein einfaches und doch großes Ziel gesetzt. Man wolle „das beste Spiel unseres Lebens spielen“.