London/München – Nach 230 Tagen hinter Gittern ist Boris Beckers schwere Zeit in britischen Gefängnissen beendet. Der 55-Jährige, der seit April in London inhaftiert war, wurde am Donnerstag entlassen. „Unser Mandant ist heute nach Deutschland ausgereist. Damit hat er seine Strafe verbüßt und ist in Deutschland keinerlei strafrechtlichen Restriktionen unterworfen“, erklärte sein Anwalt Christian-Oliver Moser.
Der sechsmalige Grand-Slam-Sieger profitiert von einem Verfahren, das den Druck auf die überfüllten britischen Haftanstalten lindern soll und muss den Rest seiner Strafe nicht mehr absitzen. Zuletzt hatte er in Huntercombe bei Oxford gesessen, gegen acht Uhr wurde er entlassen.
Weihnachten kann der frühere Weltranglistenerste nun mit Mutter Elvira (87) und Freundin Lilian de Carvalho Monteiro (42) verbringen. Becker war zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden, von der er mindestens 15 Monate absitzen sollte. Ihm waren in seinem seit 2017 laufenden Insolvenzverfahren Vergehen zur Last gelegt worden. Dabei ging es um eine Verschleierung von Besitztümern und Schulden. Becker hatte dem stets widersprochen.
Wie Beckers Pläne nun aussehen, ist nicht bekannt. Aber das Interesse an seiner Geschichte ist enorm. Der Streamingdienst Apple+ kündigte eine zweiteilige Dokumentation an und zeigte erste Impressionen. Darin spricht Becker mitunter weinend offenbar kurz vor Bekanntgabe des Strafmaßes im April. „Ich habe meinen Tiefpunkt erreicht“, sagt Becker mit brüchiger Stimme: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehe. Ich werde mich dem stellen und mich nicht verstecken oder weglaufen.“ Er werde seine Strafe akzeptieren: „Es ist jetzt Mittwochnachmittag. Am Freitag werde ich den Rest meines Lebens kennen.“
Über die Doku hinaus halten sich Gerüchte, Becker wolle sich in einem größeren TV-Interview äußern. Vor dem schweren Einschnitt hatte er als TV-Experte für Eurosport und die BBC gearbeitet. Sein Amt als Head of Men’s Tennis im Deutschen Tennis Bund hatte der Leimener Ende 2020 aufgegeben. DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff kündigte jedoch an, dass sich der Verband ein erneutes Engagement vorstellen kann.
Fakt ist jedoch: Auch wenn Boris Becker – mit Ausnahme eines auf unbestimmte Zeit geltenden Einreiseverbots nach England – nun wieder frei ist, so ist das Insolvenzverfahren noch nicht erledigt. Aus dem Insolvenzregister in Großbritannien geht hervor, dass Beckers Verfahren auf unbestimmte Zeit verlängert wurde. Ob und wie viel seines Einkommens er abgeben muss, ist unklar. Auflagen wurden bis 2031 verhängt. sid/dpa