Al-Khor – Frankreich hat neue Fans. „Wir unterstützen jetzt Frankreich“, kündigte Walid Regragui an, der Trainer der im Halbfinale 0:2 geschlagenen Marokkaner. Der Coach und einige seiner Spieler sind Doppelstaatsbürger, Regragui hat sogar mit einem der französischen Stars, Mittelstürmer Olivier Giroud, vor 15 Jahren in Grenoble in einer Mannschaft gespielt, es bestehen also Verbindungen. „Und wir wollen“, erklärt Regragui, der zu einem der Köpfe der WM geworden ist mit seinem Werben für arabische (Fußball-)Kultur, „sagen können, dass wir gegen den Weltmeister ausgeschieden sind“. Nicht nur gegen den amtierenden, den von 2018, sondern auch den neuen, den von 2022.
Titelverteidigungen sind eine Rarität in der WM-Geschichte und fallen in eine Zeit, in der die Welt des Fußballs eine überschaubare war: Italien 1934 und 38, Brasilien 1958 und 62. Es gab auch Figuren, die in beiden denkbaren Rollen zu Champions wurden, als Spieler und Trainer: Mario Zagallo aus Brasilien und Franz Beckenbauer. Didier Deschamps hat das auch schon geschafft, er könnte nun der erste Trainer sein, der zweimal Weltmeister wird, noch dazu in Folge, und es schon als Spieler war (1998). Er lächelt und sagt: „Ich denke nicht an mich, ich freue mich für meine Spieler.“ Deschamps ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt – die Kabine überließ er nach dem Einzug ins Endspiel dem extra angereisten Staatspräsidenten Emmanuel Macron.
Walid Regragui ist, wenn er auf Südamerika blickt, mehr Brasilien- als Argentinien-Fan, die Schönheit des Spiels sieht er mehr vom Rekordweltmeister verkörpert, der allerdings im Viertelfinale über Kroatien gestolpert war. „Führendes Fußballland der letzten 20 Jahre ist aber Frankreich“, sagt er. WM-Finale 2006, EM-Finale 2016, Weltmeister 2018, das waren die Highlights – die sich jedoch auch mit einigen Tiefen abwechselten: Spielerstreik bei der WM 2010, eine glanzlose EM 2021. Doch unstrittig ist, dass Frankreich seit 2016 eine neue Generation herausragender Spieler hervorgebracht hat und der Kader vor Talent nur so platzt.
Gemessen daran gerät die Equipe Tricolore dann doch überraschend in kritische Phasen, die gab es auch gegen Marokko in der zweiten Halbzeit. Doch dann agiert eben der Taktiker Deschamps: Er brachte Stürmer Marcus Thuram, wies ihm eine Sonderrolle zu, in der er auf der linken Seite Verteidiger Theo Hernandez unterstützen und Kylian Mbappé von Defensivaufgaben entlasten sollte, damit der sich auf die Situationen vorne konzentrieren kann. Auch der Wandel von Antoine Griezmann ist ein Werk des Trainers. Im Stürmer-Überangebot wäre für den Edeltechniker kein Platz mehr gewesen, nun spielt er aus dem Mittelfeld zauberhafte Pässe – oder die entscheidende Flanke vom Flügel aus, wie gegen England.
Griezmann glaubt, dass die Mannschaft besser ist als 2018. „Damals habe ich geweint vor Glück, als wir Belgien schlugen und im Finale standen. Heute bin ich total fokussiert.“ Auch Didier Deschamps geht ruhig und pragmatisch in ein Endspiel, über das er lediglich sagt: „Jeder trifft auf einen Gegner, der besser ist als die, die er zuvor hatte.“