München – New York, die Stadt, die niemals schläft– und Julian Nagelsmann hat sie sich vergangene Woche genau angesehen. Vom Wolkenkratzer mit dem passenden Namen „The Edge“ (die Kante) hatte der Trainer des FC Bayern besten Blick auf alles, was diese Metropole so besonders macht. Dazu Sonnenschein, seine Freundin an der Seite. Momente, die der 35-Jährige aufsaugt. Denn er weiß, was ab dem Jahreswechsel wartet: Arbeit, Arbeit – und nochmal Arbeit.
Es liegt in der Natur der Sache, dass eine WM nicht für alle Spieler mit einem Pokal enden kann. Aber beim FC Bayern, dem Verein, der mit 16 Profis mit die meisten stellte, hängen heuer besonders viele Köpfe tief. Den sieben DFB-Spielern fällt es freilich besonders schwer, sie wieder aufzurichten, aber auch die nach und nach gescheiterten Alphonso Davies (Kanada), Eric Maxim Choupo-Moting (Kamerun) und Matthijs de Ligt (Niederlande) haben Wunden zu lecken. Selbst Noussair Mazraoui, mit Marokko nach dem 1:2 gegen Kroatien und Josip Stanisic Vierter, kommt gebeutelt zurück. Dazu die drei im Finale geschlagenen Franzosen Dayot Upamecano, Benjamin Pavard und Elfmeter-Fehlschütze Kingsley Coman.
„Nach einem verlorenen Endspiel geht es darum, wieder aufzustehen und weiterzumachen“, sagte Oliver Kahn gestern Abend. Auch Nagelsmann hat alles verfolgt, was da in Katar vor sich ging, der WM aber keine große Priorität eingeräumt. Schon vor Anpfiff des Turniers hatte der Coach angekündigt, nicht permanent Kontakt zu seinen Spielern zu suchen. Dieses Vorhaben hat er umgesetzt. Die Alarmglocken gingen ab und an mal an, etwa als Nagelsmann seinen verlängerten Arm Joshua Kimmich nach dem Aus vollkommen zerknirscht erlebte. Die viel zitierte „Angst, in ein Loch zu fallen“ – so die Absprache mit den Bossen Kahn und Hasan Salihamidzic – will man dem 27-Jährigen im Kollektiv nehmen. Das teilte das Trio auch Kimmich mit, wenige Stunden nach seinem Frust-Interview.
Es wird in den Wochen und Monaten, in denen die Saison Fahrt aufnimmt, für Nagelsmann um mehr gehen als taktische Finessen und Belastungssteuerung. So intensiv wie nie zuvor ist der Bayern-Trainer in seinem zweiten Amtsjahr auf menschlicher, sozialer Ebene gefordert. Ein Klima herzustellen, in dem die geknickten Spieler wieder Spaß am Fußball entwickeln und zu alter Stärke finden, ist mit Blick auf die weiterhin hoch gesteckten Saisonziele die Hoffnung.
„Wir freuen uns auf die Rückkehr unserer Vizeweltmeister“, sagte Präsident Herbert Hainer gestern – und machte gleich klar: „2023 heißt es dann wieder mit neuem Elan ,Allez les Rouges!’“ Der Druck auf Nagelsmann ist ohnehin groß. Denn nach Informationen unserer Zeitung haben die Verantwortlichen die sportliche Aufholjagd in der Liga zwar positiv aufgenommen, genau wie Bereitschaft Nagelsmanns, sich als Konsequenz aus der Herbstkrise auch neben dem Feld zurückzunehmen. Im Hinterkopf sind die Wochen ohne Sieg sowie die Ursachen für das sportliche Tief aber nach wie vor. Es ist allen bewusst, dass Nagelsmann heuer liefern soll, was bei seiner Einstellung versprochen wurde. Nur so viel: Ein einziger Titel pro Saison war es nicht.
Die WM – Verletzungen von Sadio Mané, Lucas Hernandez und Manuel Neuer inklusive – verlief aus Bayern-Sicht verdammt bitter. Als Ausrede aber soll all das nicht gelten. Vielmehr sieht man die Situation als Chance für Nagelsmann, sich zu beweisen. Er ist gut beraten, Kräfte zu bündeln – auch in der Stadt, die niemals schläft.