München – Hasan Salihamidzic hat während der WM oft zum Handy gegriffen und die Nummern der ausgeschiedenen Bayern-Spieler gewählt. Als letztes waren nun die Franzosen dran. Da wäre Stammspieler Dayot Upamecano, der im Finale gegen Argentinien 120 Minuten vergeblich gekämpft hatte; da wäre der zusätzlich persönlich enttäuschte und von den Mitspielern verstoßene Benjamin Pavard. Und da ist eben auch Kingsley Coman, der mit der Last eines vergebenen Elfmeters aus Katar zurückkehrte. Ausgerechnet derjenige, der den WM-Sieg 2018 nach einer langen Verletzung verpasst hatte. Ein kleines Drama ist das schon.
Es war den Bayern wichtig, dass die Rückendeckung aus München unmittelbar kam. Zunächst öffentlich, als man sich entschieden und schnell gegen die rassistischen Anfeindungen stellte, die Coman nach seinem Fehlschuss über die sozialen Medien ertragen musste. Aber auch persönlich, am Telefon, weil man versichern wollte, dass der Weg aus dem Loch, in dem man sich nach vergebenen Elfmetern nun mal befindet, gemeinsam gelingen kann, soll und wird. Schon die frustrierten deutschen Spieler hatte Salihamidzic vor Wochen proaktiv kontaktiert, gestern erzählte er in der „Sport Bild“: „Sie wissen, dass sie hier beim FC Bayern in ein stabiles Gebilde zurückkehren werden.“ Das wird für manche wichtiger sein, für manche weniger. Coman gehört – das lehrt die Erfahrung – zu Ersteren.
Gerade mal 26 Jahre ist der Junge alt – erlebt hat er so viel wie andere nicht in zwei Karrieren. Ist er fit, spürt Vertrauen, hat Spaß auf dem Platz, ist Coman ein Profi, den man auch gerne als „Unterschiedsspieler“ bezeichnet. Schnell, dribbelstark, unberechenbar, wie etwa 2019, als er sowohl die Meisterschaft als auch den Sieg im DFB-Pokal mit Toren entschied. Und natürlich 2020, als er die Bayern in Lissabon zum Champions-League-Titel schoss. Damals, gegen seinen Jugendverein Paris, traf er per Kopf und war nach Arjen Robben 2013 der nächste Königsklassen-Held. Einer für die Geschichtsbücher. Nur leider, auch das gehört zu Comans Story, ohne Konstanz.
Als „hochsensibles Rennpferd“ hatte Jupp Heynckes den Offensivspieler einst bezeichnet, das gilt für seinen Körper wie für seinen Geist. Auf allein 39 Ausfallzeiten kommt er seit seinem Wechsel vor sieben Jahren. 2018, als ihm zwei Mal hintereinander das Syndesmoseband im linken Fuß riss, war er mental derart am Boden, dass ein Karriereende im Raum stand. Eine dritte OP hätte er nicht durchführen lassen, sagte er: „Ich würde dann mein eigenes Leben führen.“ Die Bayern, allen voran Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer, bauten ihn auf.
Auch heuer allerdings lief es schon vor der WM nicht allzu rund für Coman. Als er gerade in Fahrt kam, bremste ihn in der Hinrunde ein Muskelfaserriss aus, erst kurz vor dem Wüsten-Turnier spielte er wieder von Beginn an. In Doha war er Ergänzungsspieler, und beinahe hätte seine Geschichte ja dort ein Happy End gefunden: Vor dem Angriff zum 2:2 im Finale hatte er Lionel Messi den Ball abgenommen – und die Verlängerung erzwungen.
„Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben“, schrieb Coman gestern bei Instagram. Sich an die schönen Szenen zu erinnern – und sie nicht vom Fehlschuss trüben zu lassen –, wird die Aufgabe für die kommenden Wochen. Da helfen alle zusammen, die Bayern und die Familie. Seine Verlobte Sabrina übrigens ist der Grund, warum Coman immerhin der verpassten WM 2018 nicht nachweint: Das Paar lernte sich kennen, während seine Kollegen damals in Russland den Titel holten. HANNA RAIF