Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient, natürlich auch Boris Becker. Wirklich emotionalisiert hat die Tennis-Legende mit ihrem TV-Seelenstriptease aber nur wenige. Gerade einmal 1,55 Millionen Menschen wollten wissen, wie es Becker nach seiner Verurteilung wegen Insolvenzverschleppung im Gefängnis ergangen ist. Zum Vergleich: Das Wimbledon-Finale 1985, mit dem alles anfing, sahen in Deutschland elf Millionen Zuschauer. Später versammelte er sogar oft über 15 Millionen Menschen vor den Bildschirmen.
Am Dienstagabend waren es immerhin 5,2 Millionen, die mal hineinschauten in das Exklusivinterview, sich aber schnell wieder verabschiedeten. Und das hatte auch seinen Grund. Denn Becker lieferte zwar die erwartbaren Tränen und emotionalen Szenen, sah sich in dem über zweistündigen Gespräch aber stets als Opfer. Demut und Läuterung? Eher Fehlanzeige. Stattdessen berichtete er ich-zentriert über die unzumutbaren Knast-Zustände in den vergangenen acht Monaten. Er sprach über eine Welt, der er sich nicht zugehörig fühlt, in die er nicht gehört. Und doch war Becker zu Recht inhaftiert und hätte es, gemäß dem Urteil auf zweieinhalb Jahre, auch noch länger bleiben sollen.
Dass der Ex-Held der Filzbälle seine Schuld mittlerweile einsieht, ist schön, aber auch das mindeste, denn daran besteht kein Zweifel. Auch wenn der Leimener anprangerte, dass die Jury zu jung gewesen sei und ihn daher womöglich nicht kannte. Eine Tatsache, die in seinem selbstverliebten Kosmos wohl nur schwer vorstellbar ist. Geld habe ihm nie etwas bedeutet, sagte der 55-Jährige und dennoch gab er es über Jahrzehnte überbordend aus – auch als er es gar nicht mehr hatte. Es mag stimmen, dass er schlecht beraten war, aber als erwachsener Mann ist man für seine Taten selbst verantwortlich.
Seine vier Kinder können dafür hingegen nichts, natürlich waren auch sie Thema. Einerseits nahm man Becker ab, dass sie ihm sehr viel bedeuten. Andererseits gestand er, dass erst das Gefängnis die Beziehungen zu ihnen (zumindest zu den drei Volljährigen) intensivierte. Man wünscht ihnen, dass das Interesse anhält, dass es bei weiterem Nachwuchs („hoffe, es kommen noch ein paar dazu“) von Beginn an stark ist und dass ihr Vater nicht in zehn Jahren um eine dritte Chance bitten muss. Besonders viel Hoffnung hat man aber nicht.
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