Die Krone auf dem Schrott-Jahr

von Redaktion

Weltcup-Sieg zum Abschluss: 2022 hat Rodlerin Eitberger zugesetzt – ab 2023 fährt sie Doppel

VON HANNA RAIF

München – Der Schlitten von Dajana Eitberger war am Samstag gerade aufgeräumt, da hatte sie schon das Handy am Ohr. Es war dringlich, sehr sogar, denn in Miesbach, knapp 9000 Kilometer Luftlinie von Park City entfernt, saß eine gute Bekannte am Telefon, die unbedingt etwas loswerden wollte. Ja, tatsächlich, Natalie Geisenberger gehörte nach Eitbergers erstem Weltcup-Sieg seit Dezember 2020 zu den ersten Gratulanten, und die Freude der schwangeren Olympiasiegerin für ihre Kollegin war echt. „Endlich!“, sagte man sich am Telefon – und war sich einig, dass dieser Triumph mehr als verdient war. „Ich habe schon oft gesagt: Dieses Jahr war das schlimmste in meinem Leben“, erzählt Eitberger im Gespräch mit unserer Zeitung.

Und je länger man der 31-Jährigen zuhört, desto mehr kann man verstehen, wie sehr „dieses besch…… 2022“ ihr zugesetzt hat. Da waren nicht nur ein Sturz in Winterberg und die verpassten Olympischen Spiele von Peking, sondern noch viel mehr. Zwei Corona-Infektionen, eine davon mit langer Erschöpfung, Verzögerungen beim Hausbau, der plötzliche Tod ihrer langjährigen Heimtrainerin: Der Rucksack wurde im Lauf der letzten zwölf Monate immer schwerer. Als ihr Lebensgefährte Christopher daher vor dem letzten Weltcup sagte: „Hol Dir in dem doofen Jahr Dein sportliches Happy End“, musste die Olympiazweite von Pyeongchang noch lachen. Dann aber folgte sie dem Plan ihres Partners sehr eindrucksvoll.

„Ich hatte das Gefühl: Wow, das ging ja einfach“, sagt Eitberger über die zwei perfekten Läufe von Park City, die dem deutschen Frauen Rodel-Team den ersten Sieg des noch jungen Winters bescherten – und ihr selbst bestätigten, „dass ich es noch kann“. Als die deutsche Hymne erklang, kämpfte Eitberger mit den Tränen. Im Anschluss herzten sie alle – internationale Gegnerinnen inklusive. Den „Flow“, den ihr diese Momente gegeben haben, will sie nun „positiv mitnehmen“. Bis zur Deutschen Meisterschaft, die zwischen den Jahren auf ihrer Heimbahn in Oberhof ansteht. Und natürlich ins neue Jahr, in dem eben dort um WM-Medaillen gefahren wird – und danach große Veränderungen anstehen.

Nur sechs Weltcups wird Eitberger noch bestreiten, „denn“, verrät sie, „ich befinde mich auf einer Art Abschiedstournee“. Zwar denkt die Mutter eines knapp dreijährigen Sohnes noch lange nicht ans Aufhören, wird aber nach der Saison vom Einzel in den Doppelsitzer wechseln. Gemeinsam mit der jungen Berchtesgadenerin Saskia Schirmer möchte sie in der 2026 erstmals olympischen Sportart um Edelmetall kämpfen. Sie brennt für ihren Sport, will in Cortina d’Ampezzo unbedingt an den Start gehen. „Aber“, sagt sie, „ich habe nicht vor, jemandem nachzueifern oder in irgendwelche Fußstapfen zu treten. Lieber schreibe ich meine eigene Geschichte.“

Sie ist schon jetzt lesenswert, hat aber noch offene Kapitel. Und ist ab sofort geprägt von der Erkenntnis, dass „mich nichts mehr erschüttern kann“. Es sei erschreckend, sagt Eitberger, „mit welcher Gewalt das Leben manchmal aufsteht“. Ihr Umfeld, ein Sportpsychologe und das Vertrauen in die eigene Stärke aber haben dafür gesorgt, dass sie nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorne schaut. Positiv.

„Es macht mir Spaß, ich will mich quälen“, sagt sie. Und deshalb soll sich bei der WM in Oberhof („wo alles begann“) nun ein kleiner Kreis schließen. Der große ist für 2026 avisiert, wo Eitberger auf ihren persönlichen „Ludwig-Moment“ hofft. Als der 35-jährige Johannes Ludwig in Peking zum Karriereende seinen größten Erfolg feierte und Gold holte, beschloss Eitberger weiterzumachen.

2026 wird sie auch 35 sein. Und sicher ist: Geisenberger wird mitfiebern. Egal ob vor Ort – oder in Miesbach.

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