„Ich glaube nicht, dass er echte Reue zeigt“

von Redaktion

Psychologe Matthias Herzog analysiert Beckers Auftritt im Fernsehen

München – Auf der großen TV-Bühne ist der Weltstar Boris Becker nach 231 Tagen in britischer Haft ganz bei sich. Bei seinem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit zeigte sich der deutsche Tennis-Star wiederholt emotional. Äußerlich sichtbar verändert erzählte der einstige Ausnahmesportler, immer wieder von Tränen und Momenten der Rührung unterbrochen, im Interview mit Sat.1 von lebensgefährlichen Situationen, sehr persönlichen Momenten mit seiner Partnerin Lilian De Carvalho Monteiro und von einem neuen spirituellen Weg. Dass Sat.1 dem dreifachen Wimbledonsieger für das Gespräch Geld bezahlt hatte, stellte Moderator Steven Gätjen gleich zu Beginn klar. Sportpsychologe Matthias Herzog ordnet im Gespräch mit unserer Zeitung Beckers Seelen-Striptease ein.

Herr Herzog, hat Becker aus seinen Fehlern gelernt? Zeigt er echte Reue?

Ich habe nicht den Eindruck, dass er wirklich geläutert ist und echte Reue zeigt. Dafür gibt er noch zu viel anderen die Schuld an seinem Schicksal. Seine Worte wirken, wenn es um die Sache geht, distanziert und berühren einen nicht wirklich. Was erkennbar ist, ist Dankbarkeit, dieses Spiel am Ende doch noch gewonnen zu haben.

Welcher Typ Mensch ist Boris Becker?

Er ist vom Typ her der Macher, fast schon Narzisst. Sein persönlicher Nutzen ist ihm das Wichtigste. Er ist kein Teamplayer, sondern ganz klar Einzelkämpfer. Das kam ihm im Gefängnis zugute.

Vor der Urteilssprechung hielt er sich für unbesiegbar. Über die Geschworenen sagte er: „Die wussten gar nicht, wer ich war.

Er wurde in der Vergangenheit von allen – Umfeld, Medien, Fans – als Gott dargestellt. Da verliert man schnell die Bodenhaftung. Boris hielt sich lange nicht für Gott, sondern vielmehr für Gottvater. Seine Aussage zeigt ganz klar, dass er davon ausgegangen ist, dass sein Promibonus vor einer Strafe gerettet hätte, wenn ihn die Jurymitglieder alle gekannt hätten.

Im Gefängnis sei er eine Nummer gewesen. Wie schwierig ist es, mit Mördern quasi gleichgestellt zu sein?

Die Tatsache dürfte gerade am Anfang stark an seinem Ego geknabbert haben. Er war bis dahin immer am oberen Rand der Nahrungskette, mit dem Urteil wurde er einmal komplett bis unten durchgereicht. Mörder bekommen Missachtung, werden gemieden. Jeder will, dass die weg sind und im besten Fall nie wieder kommen. Das macht etwas mit einem.

Ein Mithäftling hat wohl gedroht, ihn umzubringen…

Hier kommt Becker seine Tenniskarriere zugute. Im Endeffekt wollten ihn seine Gegner ja auch töten. Nur auf dem Platz. Dennoch ist es im Gefängnis natürlich noch etwas ganz anderes, weil ihm das eins zu eins ins Gesicht gesagt worden sein soll und auch niemand ihm hätte helfen können, wenn der sofort Ernst gemacht hätte.

Becker habe als Lehrer sowie als Fitnesstrainer gearbeitet. Wie wichtig ist eine sinnvolle Aufgabe im Gefängnis?

Wer gefühlt 25 Stunden hinter Gittern sitzt, der stirbt am ehesten an Langeweile. Boris war es gewohnt, immer was zu tun zu haben. Da braucht es eine sinnvolle Aufgabe, um erstens die Zeit totzuschlagen und zweitens, seinem Leben einen weiteren Sinn zu geben.

Er erzählt, er habe zum Stoizismus gefunden. Wie sehr half das?

Boris war früher ein Choleriker vor dem Herrn. Wenn er sich geärgert hat, mussten Schläger dran glauben. Da kommt der Stoizismus wie gelegen, um gelassener zu werden und das eigene Leben zu retten. Ansonsten hätte er auch im Gefängnis alles kurz und klein geschlagen und sich mit den anderen Insassen geprügelt. Das hätte er vermutlich nicht überlebt, wenn er so agiert hätte, wie auf dem Tennisplatz.

Becker war auf sich allein gestellt. Kompliziert für einen Star?

Boris wurde über Jahrzehnte förmlich gepampert. Ihm wurde alles abgenommen. Das war ein Kulturschock sondergleichen. Von gefühlt 30 Grad Malediven auf -30 Grad Arktis abgekühlt.

Schon Ende 2001 behauptete Becker nach privaten Turbulenzen (u.a. Scheidung), er habe seine Lektion gelernt. Trauen Sie ihm zu, wieder straffällig zu werden?

Ganz ehrlich? Ja. Boris liebte immer schon das riskante Spiel. Selbst bei Matchball gegen sich hat er Serve and Volley gespielt. Das liegt in seiner Persönlichkeit. Er ist ein Spieler. Das ist so und wird so bleiben. Er wird aber cleverer geworden sein, sich zukünftig nicht so leicht erwischen zu lassen. Ich wünsche ihm, dass er zumindest zu großen Teilen seine Lektion gelernt hat.

Interview: Philipp Kessler

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