München – Die Ellenbogen spielen im Leben von Marco Hepp eine große Rolle. „Ich habe herausgefunden, dass ich noch etwa fünf km/h schneller bin, wenn ich sie mir etwa einen halben Zentimenter enger an den Körper presse“, sagt er. Hepp ist Speedskydiver – springt aus 4000 Metern Höhe aus Flugzeugen und versucht im freien Fall so schnell wie möglich zu werden. 529,77 km/h hat er so erreicht – Weltrekord. Aufgestellt hat ihn der Günzburger bei der Fallschirmsprung-WM im Oktober in Eloy im US-amerikanischen Bundesstaat Arizona.
Zwei Goldmedaillen hat er dort ersprungen, dazu noch Silber mit dem Team. Der Rekord freue ihn jedoch mehr als das Edelmetall, erzählt Hepp. Vor zwölf Jahren begann er mit dem Sport, zu Beginn lag seine Höchstgeschwindigkeit bei 270 km/h. Seitdem motiviere ihn eine Frage, sagt der 36-Jährige: „Wie schnell kannst du noch werden?“ Mit den 529 km/h ist er zumindest schneller, als Menschen in allen anderen Sportwettbewerben. Zum Vergleich: Der Weltrekord im Geschwindigkeitsskifahren liegt bei 255 km/h, das höchste Tempo in einem Formel-1-Auto bisher bei 372.
Bestwerte, die einen optimalen Umgang mit dem technischen Material erfordern. Im freien Fall ist das entscheidende Sportgerät der Menschliche Körper, seine Ausrichtung in der Luft ist der entscheidende Faktor,sowie die Muskelkraft. „Wenn wir das Flugzeug verlassen, gilt es so schnell wie möglich, den Kopf nach unten zu nehmen, die Arme relativ eng anzulegen“, gibt Hepp an: „Mit der Körperspannung muss dann der Luftwiderstand durchbrochen werden.“
Keine zu unterschätzende Leistung. „Wer auf der Autobahn mal die Hand aus dem Fenster hebt, der weiß, wie stark die Luft werden kann“, sagt Hepp dazu. Luftwiderstand nimmt im Verhältnis zur Geschwindigkeit im Quadrat zu, das bedeutet, doppelte Geschwindigkeit bringt vierfachen Widerstand mit sich. Vergleichbar mit Autobahngeschwindigkeiten ist der frei Fall mit über 500 km/h also nicht.
Es ist also eine sehr hohe Belastung, die das durchsichtige Element auf den Körper ausübt. „Die Luftwirbel, die sich bilden, ziehen und zerren schon ziemlich an einem“ erklärt Hepp. Zu meistern ist das nur mit einem gestählten Körper. „Über 90 Prozent meines Trainings sind außerhalb der Luft, ich arbeite täglich an meiner Fitness“, sagt er und führt aus: „Man spürt den ganzen Druck am Kopf und vor allem Nacken, denn dort lastet das Gewicht des Körpers drauf.“
Sein Training absolviert er neben Familien- und Berufsleben. Denn auch wenn er der aktuell Beste seiner Sportart ist, verdiene er damit nichts: „Bei uns fließt kaum Geld.“ Unterstützung gebe es zwar von Sponsoren, was das Material anginge – trotzdem ist es ein teures Hobby. „Auf dem Niveau auf dem ich es betreibe, kostet es 10 000 bis 12 000 Euro pro Jahr“, erläutert der Franke. Auf bis zu sechs Wettkämpfe der World Series – den Weltcups der Skydiver – reist er pro Saison, bis zu 60 Prozent seines Jahresurlaubs verwende er dafür, so der Banker.
Finanziell angenehm ist, dass die Körperposition des Flugs nicht ausschließlich in der Luft trainiert werden kann. Auch wenn er mit seiner speziellen Trainingsvariante „ein Einhorn in der Szene“ sei, gibt Hepp zu. Im Schwimmbad übt er seine Position nach dem Abstoßen vom Beckenrand. „Man spürt das Wasser an der Haut vorbeigleiten, das sensibilisiert die Rezeptoren“, und weiter: „Ich versuche ganz gerade und gleichmäßig in meiner Position zu gleiten. Wenn ich schräg komme, merke ich, dass der Körper nicht ganz gerade ausgerichtet ist.“
Dass die Geschwindigkeiten im Chlorwasser langsamer sind als in der Luft, stört ihn nicht: „Es geht für mich darum, konsequent am perfekten Sprung zu arbeiten. Wegen dem Adrenalin mache ich das nicht, darum geht es bei den ersten Sprüngen.“ Wie viel mit diesem Perfektionsstreben noch möglich ist? „Die 550 km/h muss auf jeden Fall fallen, das bekomme ich hin“, nimmt sich Hepp vor. Zeit dazu gibt er sich noch genügend: „Einer der vorherigen Weltrekordhalter, Luke Maisin, ist 66 Jahre alt. Das heißt, ich habe auch noch 30 Jahre vor mir, in denen ich nicht plane, langsamer zu werden.“