Seine eigene Springerkarriere hat Thomas Thurnbichler (33) schon vor zehn Jahren beendet. Als Polens Cheftrainer ist der Österreicher der Senkrechtstarter der Saison – auch dank Tourneefavorit Dawid Kubacki.
Herr Thurnbichler, Sie sind mit Polen und Dawid Kubacki der große Aufsteiger. Eine Premiere als Chefcoach könnte schlechter ausfallen.
Definitiv. Und man muss natürlich dankbar sein für diese Chance. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht überrascht bin. Weil ich von meinen Fähigkeiten und meinem Team überzeugt bin.
Dem Vernehmen war eigentlich Alex Pointner der Favorit, richtig?
Auf jeden Fall sind zuerst Gespräche mit Alex Pointner und, ich glaube auch Mika Kojonkoski, geführt worden. Der Alex wollte mich als Assistenztrainer und verantwortlichen Nachwuchskoordinator ins Team holen, weil ich in der Funktion in Österreich ganz erfolgreich war. Aber die Gespräche sind wohl nicht ganz zur Zufriedenheit gelaufen – jedenfalls ist dann in Vikersund Adam Malysz (Sportdirektor, d. Red.) auf mich zugekommen, ob ich mir das vorstellen könnte.
Muss man über so eine Chance nachdenken?
Ich habe schon nachgedacht. Aber ich bin schnell zu dem Punkt gekommen, dass das das etwas ist, was mich als Mensch und als Trainer weiter bringt. Umso mehr, als es mir auch gelungen ist, eine gute Mannschaft um mich herum aufzubauen.
Was haben Sie in Polen vorgefunden? Das Team kam aus einem extrem schwachen Jahr.
Bevor ich mich entschieden habe, war im Verband und in der Mannschaft schon ein großes Zerwürfnis, was mich schon hat nachdenken lassen. Aber vom ersten Moment habe ich dann nur Support bekommen und wir haben unseren Weg ganz erfolgreich gestartet.
Skispringen gilt als Kopfsache. Mussten Sie einen Mann wie Dawid Kubacki, der nun Weltcup-Spitzenreiter ist, auch erst von sich selbst überzeugen?
Ja, natürlich. Er ist ein sehr intelligenter Sportler. Ich habe ihn von Anfang an mit ins Boot geholt. Und wenn ein Sportler einen Weg mitgestaltet, dann ist er auch überzeugt davon. Das hat sehr gut ineinander gegriffen. Uns ist es ganz gut gelungen, auf seinen Stärken aufzubauen.
Was immerhin zu vier Saisonsiegen reichte. Ist er nun der Topfavorit für die Tournee?
Man würde lügen, wenn man sagt, er ist kein Topfavorit. Was braucht man für die Tournee? Du musst konstant sein – das ist er. Und du musst die Topsprünge zeigen, um dich von den anderen absetzen zu können. Er bringt das komplette Paket mit und weiß auch, was ihn medial erwartet – in Polen ist die Aufmerksamkeit ja über das ganze Jahr sehr hoch. Er hat die Tournee auch schon gewonnen. Natürlich ist er einer der komplettesten Topfavoriten. Aber da gibt es drei andere und vielleicht noch fünf Favoriten.
Welche?
Anze Lanisek, der auf einem enorm hohen Niveau springt. Dann Granerud und Kraft, die allerdings manchmal überpowern, was dich schon die Tournee kosten kann. Und dann gibt es Fettner oder Zyla. Oder auch Geiger. Der kann es auch, auch wenn ich ihn jetzt nicht zum absoluten Favoritenkreis zählen würde.
Wie weit kann der Trainer eingreifen?
Ich versuche vor allem die Einflüsse gering zu halten. Zum Beispiel, dass man Medientermine so weit wie möglich schon vor der Tournee abhakt. Weiteres wird auf die richtige Balance zwischen Aktivierung und Regeneration geachtet. Soweit man das kann – wenn ein Springer erfolgreich ist, dann muss er durch die Ochsentour. Aber Dawid kennt das ja.
Anders als sie selbst – Ihre Karriere als Springer war mit 23 beendet.
Ich war im Juniorenbereich sehr gut. Aber ich war von den körperlichen Voraussetzungen nicht so der Skispringer. Ich bin doch etwas kräftiger gebaut. Da habe ich mir selber gedacht: „Ok, mit dem starken Team vor mir, wird es schwierig. Warten wir lieber nicht zu lange und schauen nach einer guten Ausbildung.“
War der Schritt zum Trainer ein logischer?
Nein, eigentlich gar nicht. Ich habe über ein paar Sachen nachgedacht. Aber dann hat mich der Tiroler Skiverband angesprochen, ob ich nicht neben dem Studium als Nachwuchstrainer arbeiten will. Ich habe das gemacht und gemerkt, dass ich offenbar ein Händchen dafür habe. Aber wenn, dann wollte ich es natürlich richtig machen. Ich habe dann Sport studiert und nach fünf Jahren habe ich das Angebot vom österreichischen Skiverband bekommen, das Nachwuchstraining zu machen.
Und nun sind Sie der nächste österreichische Trainer in der Weltspitze. Was macht die österreichische Schule heute so speziell?
Hmm, ich denke dass viel schon in der österreichischen Mentalität liegt, die einfach zum Skispringen passt. Und dann ist es so, dass all diese Trainer sehr gut funktionierende Systeme durchlaufen haben. Von den Vereinen über die Verbände bis in die Kader – das ist etwas, was seit Jahrzehnten gut funktioniert. Ich glaube, das fehlt ein bisschen in anderen Ländern. Und viele dieser Trainer haben eine sehr breite Ausbildung, das hilft auch.
Was heißt das?
Ich war in vielen Bereichen unterwegs. In der Leichtathletik, im Freestyle mit Skate- oder Snowboard, auch im Golf. Das hilft enorm.
Was lässt sich vom Golf ins Skispringen übertragen?
Die Situation am Abschlag zum Beispiel. Das ist die gleiche mentale Situation. Frei zu sein, dem Automatismus im Körper zu vertrauen, möglichst wenig zu kontrollieren.
Wächst die Angst nach einem derart guten Start doch mit leeren Händen dazustehen?
Nein, aber natürlich wachsen die Erwartungen. Ich würde mich freuen, wenn wir unter den Top-3 im Nationencup bleiben. Auch wenn das schwer ist, weil da auch die Mixed-Wettbewerbe dazuzählen. Bei den Damen sind wir noch nicht so weit. Ein bis zwei Medaillen von der WM in Planica zum Beispiel wären schön.
Und wenn es klappt, lernen Sie Polnisch?
(lacht) Die Sprache ist so schwer. Aber ich will das wirklich lernen. Bis jetzt ist leider zu viel los, dass ich einen Kurs machen könnte. Aber ich hoffe, nächstes Jahr klappt das.
Interview: Patrick Reichelt