Das 9-Euro-Ticket soll den deutschen Fußball retten

von Redaktion

Vorsicht, Satire! Vorschau aufs Sportjahr 2023 mit Hoeneß am Telefon, Formel-1-Klimakleber und Al-Lypally

VON GÜNTER KLEIN

Januar

Der FC Bayern tritt zum traditionellen Trainingslager in Doha an. Am Flughafen sehr aufmerksame Begrüßung vor allem der Münchner Nationalspieler durch die Einheimischen. Sie halten sich mit der rechten Hand den Mund zu und winken fröhlich mit der linken.

Johan Eliasch, umstrittener Präsident des Welt-Skiverbandes FIS, stellt beim kultigen Nachtslalom in Schladming eine neue Wettkampfform ab der Saison 23/24 vor: „Keine Sorge, wir verändern wenig, nur einen Buchstaben; künftig gibt es auch einen Nacktslalom. So erschließt der alpine Skisport neue Kundenkreise. Und es geht sogar die Kombination: Nachtnacktslalom. Flutlicht wärmt.“

Novak Djokovic ist bei den Australian Open wieder willkommen – und gewinnt das Tennisturnier. Ist er geimpft? Der Serbe verbreitet ein Foto, auf dem ihm eine Spritze in den Oberarm gesetzt wird. Er klärt auf: „Ist gefüllt mit von mir selbst gesegnetem Weihwasser.“

Februar

H & M gibt bekannt, schon früh im Jahr die Umsatzziele übertroffen zu haben. Jugendliche auf der ganzen Welt haben das Replica des katarischen Bisht für Lionel Messi gekauft, den der Modekonzern nach dem WM-Finale auf den Markt geworfen hat.

Lionel Messi kündigt an, die weiterhin anhaltenden Titelfeierlichkeiten in Argentinien kurz zu unterbrechen, um für Paris Saint-Germain am Champions-League-Achtelfinale gegen Bayern München teilzunehmen und sein Team eine Runde weiterzuschießen.

Uli Hoeneß fordert bei einem Anruf im Fußball-Stammtisch „Doppelpass“, die „scheinheilige Finanzierung von PSG zu hinterfragen. Dazu höre und lese ich in Deutschland nie etwas.“

März

In der Bundesliga kommt es zum Duell zwischen Leipzig und Mönchengladbach. Der neue RB-Manager Max Eberl gibt zu, schon lange mit aller Macht nach Leipzig gewollt und bei seinem Abgang von Borussia ein wenig geschauspielert zu haben: „Ich habe mir einfach vorgestellt, dass ich in Leipzig die Plörre, die das alles finanziert, wirklich jeden Tag auch trinken muss – da kamen mir die Tränen.“

Mit dem Grand Prix von Bahrain wird die neue Saison der Formel 1 eröffnet. Allerdings mit Verzögerung. Ein Klima-Aktivist der Letzten Generation klebt sich auf der Pole Position fest. Großes Hallo, als der junge Mann mit wallendem Haar und wucherndem Bart identifiziert wird: Es ist Ex-Pilot Sebastian Vettel. Man lässt ihn laufen, er sagt: „Bahrain ist zum Glück nicht Bayern.“

Erstmals seit der WM trifft die Nationalmannschaft wieder zusammen. Die drei Fernsehsender, die die Rechte an den Länderspielen haben, ziehen Konsequenzen aus den schwachen Quoten der WM. Vorerst laufen die Spiele von Hansi Flicks Team nur bei One, ZDFneo und RTL Crime. Am Nachmittag.

April

Die Welt des Schachsports hat nun Gewissheit: Wie von Weltmeister Magnus Carlsen richtig vermutet, hat der Amerikaner Hans Niemann betrogen. Aber nicht mit funkgesteuerten Analkugeln, sondern viel simpler: Er tauschte auf dem Brett seine beiden Läufer vor Beginn jeder Partie gegen zwei Damen aus. Fiel keinem auf.

Die Taskforce des DFB setzt erste Zeichen, um zwischen Nationalmannschaft und Fans wieder Nähe herzustellen. Sie führt das 9-Euro-Ticket ein, das zum Besuch aller Männer-Länderspiele bis zur EM 2024 berechtigt. Weitere Maßnahmen, so Task-force-Kopf Aki Watzke: „Das Nationaltrikot wird wieder aus Baumwolle sein, und die Nationalmannschaft wird vor dem nächsten Turnier einen Song aufnehmen. Wir holen die 70er- und 80er-Jahre zurück.“

Der souveräne Eishockey-Hauptrundenmeister EHC München scheitert im Viertelfinale der DEL-Playoffs. Die Fans liegen sich dennoch in den Armen, weil die Augsburger Panther in die DEL2 absteigen.

Mai

Der SC Freiburg wird Deutscher Meister, Trainer Christian Streich lehnt die Annahme der Schale aber ab: „De g’hört de Bayern. Des isch nur a Momentaufnahme, dass mir obbe sind.“

Peter Feldmann, gefallener und abgewählter Oberbürgermeister von Frankfurt, tritt eine neue Stelle an. Es ist sein absoluter Traumjob: Er wird Cup Keeper bei der UEFA und bewacht alle Trophäen vom Henkelpott bis zum Pokal für den Gewinner der Conference League. Die Sieger dürfen die Pokale nur ganz kurz berühren.

Real Madrid verliert das Finale der Champions League gegen Paris – und Toni Kroos kann ZDF-Fieldreporter Nils Kaben nicht entkommen: „Toni, Sie hatten neunzig Minuten lang Zeit, sich eine Offensivaktion zu überlegen. Warum hat es nur für Querpässe gereicht?“

Die SpVgg Unterhaching verpasst den Wiederaufstieg in die 3. Liga. Präsident Manni Schwabl teilt Sandro Wagner auf subtile Art mit, dass er als Trainer entlassen ist. Schwabl überreicht Wagner einen weißen Bademantel.

Juni

Der Vertrag des FC Bayern mit Qatar Airways ist ausgelaufen und wird nicht erneuert. Nur kurz währt der Jubel der kritischen Fans. Als neuer Ärmelsponsor, der den doppelten Betrag bezahlt, wird die saudische Tourismusbehörde vorgestellt. „Visit Saudi-Arabia!“ steht fortan auf den Bayern-Trikots. Zusätzlich wird Manuel Neuer Botschafter der Arabischen Winterspiele.

Als das in der Tagesschau vermeldet wird, glaubt Uli Hoeneß, einen höhnischen Unterton zu erkennen, und ruft live in der ARD an: „Ist das eine Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder ein Werbespot für Amnesty International?“

Boris Becker lebt nun in Halle/Westfalen, im Gerry-Weber-Stadion, dem Nachbau des Center Court von Wimbledon. „Ich habe wieder ein Wohnzimmer“, sagt er.

Juli

Halb Deutschland nimmt Urlaub, um im Fernsehen die WM der Fußballfrauen in Australien und Neuseeland verfolgen zu können. Bundeskanzler Olaf Scholz fliegt zu jedem Spiel, macht aber auch der vergessenen Männer-Nationalmannschaft um Hansi Flick Mut: „Die Frauen erzielten die eindeutig höheren Marketingerlöse, doch die Herren sollten ihr Ziel Equal Pay nicht aus den Augen verlieren.“

In Katar findet in acht Stadien der „World Summer Cup“ statt, ein kurzfristig von FIFA-Präsident Gianni Al-Thani einberufenes Fußball-Einladungsturnier mit 32 Nationalmannschaften. 31 waren schon bei der WM 2022 dabei. Deutschland wird ersetzt durch Russland. „Football unites the world“, sagt der FIFA-Boss.

Rekordquoten für die Tour de France, als bekannt wird, dass Jan Ullrich die Jedermanns-Etappe mitfährt.

August

Transfercoup des FC Bayern. Sportvorstand Hasan Salihamidzic findet den Mittelstürmer der Träume – Robert Lewandowski vom FC Barcelona. Barca will ihn loswerden, weil es Geld für die Rückholung von Lionel Messi braucht. Zudem vermisst Lewandowski in Katalonien Wertschätzung. Brazzo zahlt zehn Millionen Ablöse und dreht Barcelona „für die Kadertiefe“ noch drei Leihspieler an, die verrechnet werden.

Bei der DFL tritt Geschäftsführer Oliver Bierhoff seinen Dienst an. Erste Amtshandlung: Die Bundesliga wird umbenannt in „Die Liga“.

Der TSV 1860 München steckt in der 3. Liga fest, Investor Hasan Ismaik fordert die Verpflichtung einer „Identifikationsfigur à la Sascha Mölders“. Die Löwen holen den Sturmtank vom österreichischen Fünftligisten SGA Sirnitz, Martin Hinteregger, der nach seinem Weggang von Eintracht Frankfurt „15 Kilo zugelegt“ hat. Beim „Hinti Cup“ war der gelernte Verteidiger Torschützenkönig.

September

Elon Musk kauft Hertha BSC. Um für die Tesla-Fabrik im nahen Brandenburg zu werben, wird der Club in Giga BSC umbenannt. Musk entlässt die Hälfte des Kaders, „denn es können nie mehr als elf plus fünf Wechselspieler zum Einsatz kommen“, alle Co-Trainer, Physiotherapeuten, Zeugwarte. „Massieren und waschen können auch die Spielerfrauen.“ Aufstellung und Taktik bestimmt er selbst oder lässt sie per Twitter-Umfrage erstellen. „Ha ho he, Euer Elon.“

Beim Ski-Weltcup-Opening in den chilenischen Anden gibt FIS-Präsident Johan Eliasch den künftigen Ganzjahresrennkalender bekannt: Start im Juli in Australien, gefolgt von Südamerika-Tour, weiter nach China und Indien. Europa verliert den Standort Garmisch-Partenkirchen, „das Kandahar-Rennen findet künftig im Original-Kandahar in Afghanistan statt“. Eliasch spricht auch die Vision für die kommenden Jahre an: In Katar soll der überschüssige Wüstensand zu einem Berg zusammengeschoben und an ihm die Kitzbüheler Streif nachgebaut werden. Beschneiung erfolgt aus der aus den Fußballstadien abgeleiteten Klimaanlagen-Luft.

Uli Hoeneß versucht seit zwei Wochen, in die Talkshow von Markus Lanz durchgestellt zu werden, „weil ich zu allem was zu sagen hätte“ – bis er merkt, dass die Ausstrahlungen Aufzeichnungen sind.

Oktober

Erleichterung bei Julian Nagelsmann: Er muss mit seiner Mannschaft nicht auf die Wiesn. Die sponsernde Brauerei will nicht wieder miesepetrige Bilder vom Vorstandstisch wie 2022 haben und lädt lieber die Frauen-Mannschaft des FC Bayern ein.

Der DFB gerät erneut in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise. Es stellt sich heraus, dass Präsident Bernd Neuendorf gar keine Sehschwäche hat und die Brille, die er auf die Stirn schiebt, nur als Markenzeichen dient.

Thomas Tuchel löst bei der FIFA Arsene Wenger als Direktor für globale Fußballförderung ab. Er hat die Empfehlung des amerikanischen Chelsea-Eigners Todd Boehly aufgegriffen, ein 4-4-3-System spielen zu lassen, und nach seiner Entlassung ein Jahr lang entwickelt. Begeisterung bei der FIFA: Mit elf Feldspielern eröffnen sich dem Fußball neue Möglichkeiten.

November

Steffen Baumgart wirft beim 1. FC Köln hin und macht sich selbstständig. Seine antiautoritäre Hundeerziehungsshow füllt die Hallen.

Der Vorverkauf für die Fußball-EM 2024 in Deutschland läuft schleppend an. Der DFB betreibt bei den NFL-Spielen in Frankfurt und München einen Werbestand und verteilt Handzettel (Idee Taskforce).

Der FC Bayern kündigt einen Standortwechsel seines Wintertrainingslagers an, es geht ins saudische Neom am Roten Meer. Eigentlich ist Neom noch in der Planung, es soll 170 Kilometer lang und nur 200 Meter breit werden. „Wir sind schon da, bevor es losgeht, und können Menschenrechtsverletzungen vor Baubeginn begegnen“, sagt Präsident Herbert Hainer, „das ist wie bereits in Katar unsere erklärte Mission.“

Dezember

Weil 2024 der SAP Garden in Betrieb genommen wird, sucht der EHC Red Bull München per Stellenanzeige 5000 „Spectators (m/w/d)“ für einen Minijob jeweils einen Abend die Woche.

Jetzt brennt die Welt des internationalen Sports unwiderruflich. Das ist der größte Skandal aller Zeiten, denn Katar hat das Finalstadion der Fußball-WM (89 000 Plätze) umgebaut in einen Darts-Tempel, der Al-Lypally heißt und in dem die Pfeilewerfer-WM stattfindet. Frauen dürfen nicht teilnehmen, Bier ist verboten, doch gespielt wird ohne lästige Weihnachtsunterbrechung. Ehrengast Gianni Al-Thani spricht vom „Best Darts World Cup Ever“.

Uli Hoeneß ruft bei Astro TV an: „Da komme ich wenigstens durch, und man hört mir zu.“

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