In sozialen Netzwerken wird viel Gift versprüht, auch wenn Menschen gestorben sind, mischt sich unter die Würdigungen ein einschränkendes „Aber. . .“. In den Nachrufen zu Rosi Mittermaier-Neureuther ist das nicht der Fall, zu ihr teilen die Menschen ausschließlich positive Erinnerungen. Einen Tweet, der das auf den Punkt bringt, hat der Unterhaltungskünstler Wigald Boning geschrieben: „Sie war so liebevoll, patent und bescheiden. Ich mache heute nichts mehr.“
Ein größeres Vermächtnis kann es nicht geben: Jemand muss gehen, die, die zurückbleiben, bewahren ein ehrendes Andenken an diesen Menschen, und die Welt steht für einige Augenblicke still. Das kommt wahrscheinlich tagtäglich Tausende Male vor, in kleinen Kreisen, unbemerkt. Doch es gibt auch die öffentlichen Todesfälle, die von Prominenten aus verschiedenen Bereichen. Persönliche Bekanntschaft ist manchmal, aber tendenziell selten die Grundlage für die Bewertung einer solchen Person. Umso erstaunlicher, wenn dann das Bild, das man von einem ausgeleuchteten Menschen hat und behält, ein so durchweg positives ist wie das von Rosi Mittermaier.
Sport-Idole haben es in dieser Hinsicht nicht leicht. Die Wundertaten, über die sie definiert werden, vollbringen sie in jungen Jahren; danach ist noch viel Lebenszeit übrig, in der sie eine neue Rolle finden müssen. Und in der viele Gefahren lauern. Man kann in der Geschäftswelt scheitern oder in einer anderen Funktion im Sport, man kann korrupt werden oder gierig. Man kann guten Willens sein, aber ein Projekt ungeschickt angehen, weil das neue Feld, das man bespielt, einem nicht so vertraut ist wie der Sport, in dem man mal nicht zu schlagen war. Sicher gibt es unter Deutschen auch die Neigung, nach der Fehlbarkeit der einst Unfehlbaren zu fahnden und eine gewisse Lust daran zu entwickeln, ihren Niedergang zu begleiten. Von den Sportgrößen der Bundesrepublik haben jedenfalls viele späte Image-Schäden erlitten. Die Namen müssen nicht extra erwähnt werden, sie sind bekannt.
Rosi Mittermaier hebt sich ab. Sie war der erste deutsche Sportstar, dem eine Überkommerzialisierung hätte drohen können. Ihr Beruf nach der Karriere wurde es, Gold-Rosi Mittermaier zu sein. Sie hat das in aller Würde geschafft, weil sie ihr Wesen bewahrte oder in keinem Moment den Eindruck erweckte, ihre Persönlichkeit verändere sich zum Negativen. Wahrscheinlich hat sie Wirkung nie kalkuliert, sie war einfach so, wie sie war. Ein Glück und die wahrhafte Lebensleistung.
Guenter.Klein@ovb.net