Der zweite Platz als halber Sieg

von Redaktion

Nur Norwegen schlägt die deutsche Biathlon-Staffel in Ruhpolding – dort hofft man auf schwarze Zahlen

Ruhpolding – Nieselregen in der Chiemgau Arena. Auf Benedikt Dolls Abklatschen warten. Gleichauf mit Johannes Thingnes Bö auf die letzten 7,5 Kilometer der Staffel gehen. „Die Nervosität und Anspannung war schon enorm“, sagte Roman Rees zu dem Moment, als er sich als Schlussläufer der deutschen Staffel auf den Weg machte.

Vor allem die Heimkulisse hätte ihn aber beeinflusst, erzählte Rees. Der aktuell weltbeste Biathlet neben ihm „hat da erst mal keine Rolle gespielt“. Dem Duell, das nur kurz eines war, vorausgegangen war eine starke Vorarbeit von Doll, Johannes Kühn (31/Reit im Winkl) und des Startläufers David Zobel. Nur einen Nachlader benötigte jeder der vier Deutschen am Schießstand. So lagen sie zwischenzeitlich in Führung und hatten vermeintlich Siegchancen – bis Bö loslegte.

Schon zum ersten Schießen hatte er auf Rees 14 Sekunden Vorsprung erarbeitet, im Ziel waren es dann 20,1 – aber nur, weil der Gesamtweltcupführende es auf der letzten Runde sehr gemütlich angehen konnte. „Es gibt aktuell einfach ganz wenige oder niemanden, der gegen ihn Attacken fahren kann. Ich auch nicht“, hakte der 29-Jährige die Überlegenheit des gleichaltrigen Bö ab. Die Strafrunde, die Norwegens Startläufer Sturla Holm Laegreid geschossen hatte, spielte schließlich keine Rolle mehr.

Dass Deutschland nicht Erster, sondern Zweiter vor Frankreich (+55,6 Sekunden) wurde, trübte die Stimmung nicht. „Norwegen hat seit eineinhalb Jahren keine Staffel mehr verloren. Daher kann man das als halben Sieg bezeichnen“, resümierte Rees.

Das Rennen hatte für das DSV-Quartett schon mit guter Laune begonnen: Als Zobel in der Startaufstellung stand und auf der Videoleinwand gezeigt wurde, brandete lauter Jubel in der Arena auf – ein ganz breites Grinsen war die Reaktion des Murnauers. Als „ein Hammer-Gefühl“ beschrieb der 26-Jährige später das Laufen vor 12 000 Fans: „Man spürt zwar Schmerzen, aber kann sich trotzdem noch pushen.“

Dennoch sind auch abnehmende Schmerzen im Chiemgau spürbar – oder zumindest abnehmende Kopfschmerzen. Nach dem Auftakt am Mittwoch traten zum einen bisher keine neuen Probleme mit der Elektrizität auf – und zum anderen entwickelte sich die Strecke positiv. Nachdem die Männer am Mittwoch noch geklagt hatten, sprach die Deutsche Sophia Schneider am Donnerstag von „einer der besten Bedingungen im Weltcup“. Auch am Freitag sei es „durchaus gut“ gewesen, meinte Zobel. Die Wettbewerbe möglich gemacht haben 800 Helfer und ein Schneedepot, in dem Alt- und Kunstschnee aus letztem Winter gelagert wurden.

Bleibt noch ein Ziel für die Biathlon-Gemeinde: mit dem Weltcup keinen Verlust machen. Das war seit der WM 2012 schwierig, wie Justus Pfeifer unserer Zeitung erzählte. Ausnahme seien paradoxerweise die vergangenenzwei Corona-Jahre gewesen, so der Chef des Organisations-Komitees und Bürgermeister von Ruhpolding, „dank der Hilfen von Bund und Land.“

Ob es in diesem Jahr für schwarze Zahlen reicht? „Das ist Kaffeesatzleserei, noch gibt es zu wenige Informationen“, meint der 33-jährige CSU-Politiker, der darauf verweist, dass das Geschäftsjahr der Chiemgau Arena bis zum 31. April gehe. Optimistisch stimme ihn aber der Ticketverkauf und Maßnahmen, die für eine bessere Bilanz ergriffen wurden. So wurde die Beteiligung der Gemeinde am Weltcup in eine GmbH ausgelagert, erläutert Pfeifer. 49 Prozent davon gehörten der Kommune, 51 dem Ski Club. „Wir können so flexibler agieren und müssen nicht nach kommunalen Vergaberichtlinien ausschreiben“, sagt Pfeifer. THOMAS JENSEN

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