„Du musst den Müll im Kopf loswerden“

von Redaktion

1860-Profi Jesper Verlaat über Köllners Botschaften, Rucksackreisen und den Neustart der Liga

München – Er hält den Laden beim TSV 1860 zusammen, ist bei Mitspielern wie Fans gleichermaßen beliebt – und in der Fachwelt anerkannt. Jesper Verlaat, 26, hat seinen Spitzenplatz in der „kicker“-Rangliste behauptet, dicht gefolgt von Leandro Morgalla, seinem Juniorpartner in der Abwehr. Als Innenverteidiger der Kategorie „Herausragend“ kam Verlaat im Sommer 2022 nach Giesing, wo er schnell zu einem Gesicht der Löwen aufstieg. Vor dem Spiel bei seinem Ex-Verein Mannheim trafen wir den Niederländer zum Interview, in dem er auch über sportferne Themen plaudert.

Jesper Verlaat, exakt zwei Monate nach dem letzten Spiel geht es am Samstag in Mannheim weiter, bei Ihrem Ex-Verein. Der richtige Gegner, um gleich hellwach zu sein?

Ich glaube, jeder Gegner wäre jetzt der richtige. So wie wir in die Winterpause gegangen sind, ist jedem klar, dass wir hellwach sein müssen. Die Pause hat uns allen gutgetan, auch mental. Die Freude ist da, man hat frische Energie getankt. Mannheim wird ein Brett – wie zu Saisonbeginn Dresden.

Woran lag’s, dass es vor der Pause nicht mehr so lief wie zu Saisonbeginn?

Ich glaube, jeder Verein außer Elversberg hatte ein Tief. Das passiert. Du kannst nicht alles gewinnen und immer Topleistungen abrufen. Schade war halt, dass wir nach Bayreuth (0:1 am 29. Oktober) nicht mehr die Kurve gekriegt haben. Es kam auch ein bisschen Pech dazu – und auf einmal bist du in einem Strudel drin, aus dem du nur schwer rauskommst.

Würden Sie sagen, dass die richtigen Schlüsse aus der Herbstkrise gezogen wurden?

Ja. Wichtig wird sein, dass wir über einen längeren Zeitraum mehrere Spieler haben, die Mentalität zeigen. Bestes Beispiel ist Bayreuth. Da wurde Morgalla als einer der wenigen Spieler laut. Künftig muss sich das auf mehrere Schultern verteilen. Wir haben alle ein Ziel – dem muss sich jeder unterordnen.

Vor einem Jahr schwärmten alle von einem inspirierenden Trainingslager. Gibt es auch den „Geist von Belek“ 2023?

Denke ich schon. Du hockst 24/7 aufeinander, lernst die Spieler auf eine andere Art kennen, das schweißt zusammen – auch wegen der Zimmereinteilung, die ich sehr gut gewählt fand.

Jeder Spieler war mit einem Positionskollegen bzw. -rivalen zusammen, Sie mit Leandro Morgalla. Wie hat das geklappt?

Leo und ich verstehen uns gut, auch auf dem Platz. Im Zimmer zocken wir abends Mario Kart auf der Switch. Da geht es heiß her. Macht Spaß mit Leo – und passt auch so. Wir gehen beide früh schlafen, keiner schnarcht. Leo ist ein feiner Kerl.

Die Stimmung im Zimmer dürfte auch gut gewesen sein, als die „kicker“-Rangliste rauskam. Sie auf Platz eins bei den Innenverteidigern, Morgalla Zweiter.

Wir haben es spät erfahren, von Deichi (Yannick Deichmann), irgendwann nach dem Essen. Er stieg zu uns in den Aufzug und sagte: „Krass, jetzt darf ich mit den zwei Topspielern runterfahren!“ Da wurden einige Sprüche gedrückt auf der lustigen Schiene. Und im Ernst: So was liest sich natürlich gut, aber wir haben noch nichts erreicht. Wir sind beide bodenständig genug, um zu wissen: Diese Leistungen müssen wir erst mal bestätigen.

Trainer Michael Köllner lässt nichts unversucht, um die maximale Leistung rauszukitzeln, gibt der Mannschaft Bibelsprüche mit, lässt „Wahrheit oder Lüge“ spielen, macht zu Meditationszwecken das Licht in der Kabine aus. Wie kommen solche Maßnahmen im Team an?

Als Neuer bist du erst mal überrascht – du musst dich drauf einlassen, das ist das Wichtigste. Klar: Am Anfang wird gekichert, wenn du da im Dunkeln sitzt, aber mittlerweile ist das ein Ritual. Oder der Filmabend in Belek. Wir haben nicht Spiderman geguckt, sondern „Peaceful Warrior“, einen Film mit tieferem Hintergrund. Privat hätte ich den wahrscheinlich nicht geguckt, aber als Team ist es was anderes. Wir wissen, dass immer eine Botschaft dabei ist. Wie bei den Weihnachtsgeschenken . . .

Weihnachtsgeschenke?

Wir wichteln ja auch als Mannschaft, und da hat er jedem ein Buch geschenkt. Keinen Roman, sondern was mit spirituellem Hintergrund, über den Sinn des Lebens, was für den Kopf halt.

Welches haben Sie bekommen?

Mein Buch heißt: „Der Millionär und der Mönch“. Hiller und Willsch haben das auch bekommen.

Wie war Ihre Reaktion?

Ich hab mich gefragt, ob das eine Anspielung ist (lacht). Er macht ja gerne Späße, deswegen habe ich gleich gesagt: „Ich bin der Mönch!“ Manche haben ein Buch bekommen, das hieß: „Der Sklave“. Die haben auch erst mal gerätselt, wie das gemeint ist.

Haben Sie schon mit Ihrem Buch angefangen?

Noch nicht. Ich bin noch bei einem anderen: „Man muss nicht von jedem gemocht werden“. Lesen hilft mir, aus dem Fußballtrudel rauszukommen. Ist was Philosophisches, um auch mal andere Einblicke zu bekommen.

Sie sind ja generell bekannt dafür, manchmal aus dem Profi-Hamsterrad auszubrechen. Andere genießen Fünf-Sterne-Luxus in Dubai, Sie sind mit dem Rucksack durch Vietnam gereist. Wie war’s?

Ganz anders als gedacht. Eine krasse Erfahrung. Vorher malst du dir aus: Du schläfst in Hostels, lernst Leute kennen. Erst mal geht es dann aber um Fragen wie: Wo lässt du dein Geld, das Handy? Wie verschließt du deine Sachen? Das hatte ich mir komplett anders vorgestellt.

Und dann?

Beeindruckend war vor allem, als ich bei Einheimischen übernachtet habe. Ich bin aus Hanoi in den Norden, sechs Stunden mit dem Bus, zu den Reisfeldern. Dort bin ich dann drei Tage gewandert, mit einem Tourguide. Bei der Frau, die das gemacht hat, haben wir geschlafen. Zusammen gekocht, ihre Kinder kennengelernt, den Mann. Da siehst du, wie die wohnen – ohne Fernseher, mit Plastikstühlen im Wohnzimmer. Küche wie ein Stall, da stand das Futter für die Tiere rum, für Hühner und Schweine. Das war genau die Erfahrung, die ich gesucht habe. Mal was anderes sehen. Bisher war ich jeden Sommer in Portugal und im Winter in Holland – aus diesem Trott wollte ich einfach mal raus.

Hat man Sie erkannt auf Ihrer Tour durch Vietnam?

Nein, kein Mensch. Ich habe viele Leute kennengelernt, aber die sind komplett anders drauf. Da gab’s einen Kanadier, 53 Jahre alt. Der hat seinen Job gekündigt und ist nur noch am Reisen, seit einem Jahr. Oder einen aus Frankfurt. Der war arbeitslos, lebt von Hartz-IV-Geld – und ist auch schon seit vier Monaten unterwegs. Wie locker die drauf sind, wie die ticken! Eine komplett andere Welt.

Was haben Sie für sich mitgenommen von der Reise?

Wertzuschätzen, was man hat. Ich hatte kein Internet, hab mir auch keinen Handyvertrag geholt – das war sehr beruhigend, als hätte ich mich von der Welt abgemeldet. Als ich zurück zu Hause war, kam ich mir ein bisschen überfordert vor. Wenn du die Menschen in Vietnam siehst: Die brauchen nicht viel und sind trotzdem zufrieden. Diesen ganzen Müll im Kopf, den musst du loswerden, auch darum geht es mir. Die Lehre: Glücklich sein mit dem, was man hat. Später im Leben gibt es noch genug Tage, wo es vielleicht nicht mehr so gut läuft.

Würden Sie wieder so eine Reise machen?

Auf jeden Fall, aber ein bisschen anders planen. Schon wieder in Hostels gehen, aber nicht mehr mit acht Mann auf dem Zimmer. Einer hat die ganze Nacht gehustet. Da bin ich raus und in der Stadt rumgelaufen. Außerdem: Neun Tage sind zu kurz, da bist du nur im Stress, wenn du alles sehen willst.

Harter Bruch. Zurück zum Sport, zum Neustart der Liga in Mannheim. Ist es für 1860 ein Endspiel?

Nein, die Hinrunde ist ja noch nicht mal vorbei. Es ist ein wichtiges Spiel, weil es auch gegen einen direkten Konkurrenten geht. Wichtig ist immer, dass du in solchen Duellen Punkte klaust.

Worauf wird es ankommen in den verbleibenden 21 Spielen?

Dass wir gut aus der Winterpause raus- und wieder in einen Lauf reinkommen. An den letzten sechs Spieltagen passieren die verrücktesten Sachen. Bis dahin müssen wir gut dastehen.

Interview: Uli Kellner

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