Eigentlich muss man Novak Djokovic lieben. Nein, nicht dafür, dass er vergangenes Jahr versuchte, ungeimpft bei den Australian Open mitzuspielen. Oder für seinen oft verrückten Vater Srdjan, der seinen Sohn gerne mal mit Jesus vergleicht. Oder, oder, oder… Aber der Unterhaltungswert, den der Serbe beständig liefert, ist großartig. So auch in Melbourne.
Bereits vor dem Turnierstart beschwerte sich Djokovic, dass er vergangenes Jahr als „Bösewicht der Welt“ dargestellt worden und in den „Sturm der Medien“ geraten sei. Wohl wissend, dass er überhaupt nur mitmischen darf, weil die neue australische Regierung eine verhängte dreijährige Einreisesperre ihrer Vorgänger wieder einkassierte. Auch nach dem ersten Aufschlag passte dem 35-Jährigen einiges nicht. Betrunkene Zuschauer ließ er aus dem Stadion entfernen, sein eigener Toilettengang während eines Matches sorgte ebenso für Aufregung wie sein (nur zur Show?) bandagierter Oberschenkel.
Während der zweiten Runde übergab ihm seine Box eine Trinkflasche und klebte darauf eine schriftliche Botschaft. Unerlaubtes Coaching, raunten einige. Allerdings sind schriftliche Hinweise laut ATP-Reglement nicht explizit verboten. Auch beim gestrigen Viertelfinale gegen Andrej Rublew wütete und meckerte Nöl-„Nole“. Am Ende aber siegte Djokovic mit 6:1, 6:2, 6:4 – gnadenlos und eiskalt gegen die Nummer sechs der Welt. Klar, er ist kein Federer und kein Nadal und mit seiner oft schrägen Vorliebe für Esoterik wird Djokovic nie die Meinung der breiten Masse treffen. Bei vielen Themen auch nicht die des Autors. Aber er erregt, verärgert und emotionalisiert.
Und nebenbei spielt er überragendes Tennis, ganz besonders in den vergangenen Tagen. Bisher hat Djokovic alle seine neun Halbfinals hier gewonnen, wer ihn auf dem Weg zu seinem zehnten (!) Melbourne-Titel stoppen soll? Paul und Khachanov eher nicht und auch für Tsitsipas dürfte das eine Mission Impossible werden. Nadal (22 Titel) muss also um seinen Grand-Slam-Rekord zittern. Für Djokovic wäre es eine weitere Bestmarke. Die Liste ist schon jetzt so lang, dass die Zeilen dieser Kolumne nicht ausreichen, um sie alle aufzuzählen.
Und der angesprochene Unterhaltungswert? Im On-Court-Interview intonierte Novak ein Geburtstagsständchen für seine Mutter. Das Stadion sang und lachte.
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