München – Er ist der Architekt des Red-Bull-Erfolgs in der Formel 1: Helmut Marko, 79-jähriger Grazer und Chefberater des Brause-Teams. Und die Erfolgsserie soll 2023 – Start am 5. März in Bahrain – nicht abreißen. „Wir gehen von einem sehr erfolgreichen Auto aus. Wir haben allerdings eine Reduktion der Windkanalstunden“, sagt Marko vor den Winter-Tests vom 23. bis 25. Februar in Bahrain.
Herr Dr. Marko, wie haben Sie die Jahreswende verbracht?
Nach dem letzten Rennen in Abu Dhabi war ich längere Zeit in Japan bei Honda, zusammen mit den beiden Fahrern. Danach wurde es etwas ruhiger. Ich habe aber nicht nur besinnliche Feiertage gehabt, sondern kontinuierlich weitergearbeitet. Zum Beispiel habe ich ein längeres Gespräch mit Oliver Mintzlaff gehabt, dem neuen Verantwortlichen für unser Formel-1-Projekt.
Ihr erster Eindruck?
Es war ein sehr kon-struktives Gespräch. Das nächste wird bald folgen.
Wie oft hatten Sie Kontakt mit ihren Fahrern Max Verstappen und Sergio Perez?
Regelmäßig. Wie gesagt, wir waren Anfang Dezember lange zusammen in Japan. Sie hatten eine Menge Spaß zusammen. Danach wurde immer wieder telefoniert.
Verstappen hat sich kürzlich aufgeregt, weil er, der passionierte SIM-Racer, bei den virtuellen 24 Stunden von Le Mans in Führung liegend den Sieg verpasste, weil es Probleme bei der Verbindung gab. Kann man davon ausgehen, dass er sich jetzt nur noch aufs richtige Racing konzentrieren wird, um seinen dritten WM-Titel in Folge einzufahren?
(lacht): Das Gegenteil ist der Fall. Er hat sich sogar seinen Privatflieger umbauen lassen, sodass er sogar in der Luft in Zukunft Simulator fahren kann. Aber das ist auch gut so, weil Max diese Ablenkung braucht. Bei seinen zwei Titeln jedenfalls hat sie ihm nicht geschadet.
Wie hat sich Rückkehrer Daniel Ricciardo, der in dieser Saison dritter Pilot sein wird, eingelebt?
Sehr gut. Er hatte schon tolle PR-Events für Red Bull. Das war ja auch ein Grund, warum wir ihn zurückgeholt haben.
Nach seinem enttäuschenden Intermezzo bei McLaren: Glauben Sie, er hat das Fahren verlernt?
Es ist schwer aus der Distanz zu beurteilen, woran es gefehlt hat. Bei Renault hatte er ja auch schon leichte Schwierigkeiten. Er wird sicher bald den einen oder anderen Reifentest für uns fahren, dann sehen wir klarer.
Haben Sie auch noch Kontakt zu Sebastian Vettel?
Marko: Ja. Im Moment ist er mit der ganzen Familie in der Arktis abgetaucht. Macht dort Urlaub. Ich denke, erst im März wird er wieder richtig ansprechbar sein.
Es gab in letzter Zeit ein Teamchef-Beben. Andy Seidl wechselte von McLaren zu Sauber, dem zukünftigen Audi-Team. Frederic Vasseur ging dafür als Nachfolger von Mattia Binotto zu Ferrari. Schließlich wechselte Mercedes-Chefstratege James Vowles, ein enger Vertrauter von Boss Toto Wolff, als Nachfolger von Jost Capito zu Williams. Haben Sie Angst, dass dieser Wechsel strategisch gewollt war und Williams zum Mercedes-B-Team-wird?
Nein, ich habe da ganz andere Informationen. Vowles ging aus eigenen Stücken und, so hört man, nimmt sogar gute Techniker mit. Meine Quellen sagen mir, dass deshalb die Stimmung bei Mercedes angespannt ist.
Eine Schwächung für Hamilton & Co.?
Das wird man sehen. Ich glaube aber nach wie vor, dass Mercedes unser größter Herausforderer sein wird.
Wie bewerten Sie das momentane Desinteresse in Deutschland? RTL überträgt nicht mehr die vier Rennen, die Rechteinhaber Sky für jeden zugänglich im freien Fernsehen abgeben muss. ARD und ZDF machten deutlich, die Formel 1 passe nicht in ihr Weltbild. Nach zähem Ringen hat sich wohl Pro7 überreden lassen…
Das ist unglaublich, was gerade in Deutschland passiert. In Österreich ist es genau umgekehrt. Da boomt die Formel 1 mehr als je zuvor. Das Red-Bull-Team wird als österreichisches Team gesehen und dementsprechend fiebert das ganze Land mit. Deshalb hoffe ich sogar, dass Mercedes wieder stark sein wird, damit die Deutschen sich mit ihnen identifizieren werden.
Interview: Ralf Bach