Die Bayern in der 1:1-Krise

„Liebeslied“ – oder „Geh bitte“?

von Redaktion

HANNA RAIF

Das Antrittsgeschenk von Julian Nagelsmann kam mit eineinhalb Jahren Verspätung. Die Corona-Krise hatte es lange nicht möglich gemacht, aber vor zwei Wochen organisierte der Trainer des FC Bayern den rund 1000 Mitarbeitern des Vereins ein exklusives Konzert des Deutsch-Rappers und Sängers Jan Delay. Es ging ordentlich ab, man freute sich über den herrlich gelösten Start ins neue Jahr. Heute, drei nüchterne 1:1 später, sieht die Lage da anders aus. Für alle – und für Nagelsmann selbst.

Es ist ja nicht so, als sei vor vielem, was da in der ersten Fußball-Woche 2023 passiert ist, nicht gewarnt worden. In einer Saison, deren Taktung für alle Neuland ist, war zu erwarten, dass die Beine langsamer und die Köpfe müder werden, die Angriffe unkreativer und die letzten Meter anstrengender. Allerdings ist das Bild, das der FC Bayern da zum Start in die Post-WM-Halbserie abgibt, von deutlich mehr negativen Eindrücken geprägt als schlechten Ergebnissen. Die Verletzung von Manuel Neuer hat – Achtung, Schnee-Scherz! – eine Lawine losgetreten, die immer weiterrollt. Und eine so unnötige Diskussion um „Gucci-Gnabry“ kann man halt nicht beruhigen, wenn es auf dem Platz nicht läuft.

Dass es laut Nagelsmann „Schlimmeres im Leben“ gibt, mag zwar stimmen. Ein Satz wie dieser ist aber sicher nicht das beste Zeichen (Stichwort: „Haltung“). Man ist nervös, und es ist auch kein Zufall, dass das Pokal-Achtelfinale, das da am Mittwoch in Mainz ansteht, intern schon lange explizit thematisiert wird. Ein drittes frühes Aus – das zweite von Nagelsmann – hintereinander darf es nicht geben, so die Ansage von oben. Denn wenn man den ersten Titel schon jetzt verspielen würde, stünde das große Ganze infrage – mit nüchternem Ergebnis.

Die Aufholjagd aus der Vor-WM Phase hat darüber hinweggetäuscht, dass die 36 Punkte am Ende der Hinrunde die schwächste Punkteausbeute eines Herbstmeisters seit Bayer Leverkusen 2010/11 waren. Bisher konnten sich die Bayern darauf verlassen, dass die Konkurrenz schläft – aber passt das wirklich zum Selbstverständnis des Rekordmeisters? Nagelsmann hat noch Kredit, trotzdem steht er schon seit der Herbstkrise unter Beobachtung. So richtig vermag gerade niemand zu sagen, ob man ihm am Ende der Saison Jan Delays „Liebeslied“ singt – oder doch den Hit „Geh bitte“ grölt.

Hanna.Raif@ovb.net

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