München – Als Julian Nagelsmann (35) Freitag-Mittag zum Gesundheitszustand des verletzten Manuel Neuer (Unterschenkelbruch) gefragt wurde, berichtete der Trainer des FC Bayern: „Er ist viel im Kraftraum und muss viel an anderen Dingen arbeiten. Er ist jeden Tag hier. Wir sprechen jeden Tag.“ Wenige Stunden später erhielt die Öffentlichkeit eine Vorstellung davon, wie die Stimmung bei diesen Gesprächen sein dürfte: unterkühlt wäre als Beschreibung vermutlich untertrieben.
Der Kapitän des deutschen Rekordmeisters hat sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ und dem englischen Online-Portal „The Athletic“ zum ersten Mal nach seiner Verletzung, der Verpflichtung des 35-jährigen Yann Sommers als Ersatzmann und dem Rauswurf von Torwarttrainer Toni Tapalovic (42) öffentlich geäußert – und attackiert dabei knallhart die Vereinsspitze um den Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn (53) und Sportvorstand Hasan Salihamidzic (46).
Über die Entlassung von Tapalovic, von dem er schon in seinen Jugendjahren bei Schalke 04 trainiert wurde, sagt Neuer: „Für mich war das ein Schlag – als ich schon am Boden lag. Ich hatte das Gefühl, dass mir das Herz herausgerissen wurde. Das war das Brutalste, was ich in meiner Karriere erlebt habe. Und ich habe schon viel erlebt.“
Der Kapitän des Rekordmeisters bezeichnet die Entscheidung sogar im Vergleich zur Situation 2011, als die Bayern-Ultras die Verplichtung Neuers ablehnten, als neues Level: „Was jetzt passiert ist, ist eine ganz andere Ebene. Jeder in unserer Torwartgruppe wurde in Stücke gerissen. Die Leute brachen in Tränen aus.“
Die offizielle Begründung für das „Tapa“-Aus bei Bayern waren laut Salihamidzic „unüberbrückbare Differenzen“. Hinter den Kulissen des Rekordmeisters galt Cheftrainer Nagelsmann schon seit längerer Zeit nicht als größter Befürworter von Tapalovic. Das hatte freilich auch Neuer wahrgenommen und gibt dem Fußballlehrer deswegen die Hauptschuld am Rauswurf seines langjährigen Vertrauten. „Es gab keinen Grund, den ich nachvollziehen konnte. Es wurden Dinge gesagt, mit denen ich nicht einverstanden bin. Nichts, was ich gehört habe, hätte die Möglichkeit ausgeschlossen, dass man miteinander spricht und die Dinge klärt“, sagt er und offenbart: „Ich habe über alles Mögliche nachgedacht, auch über meine Zukunft im Verein.“
Bricht Neuer mit den Bayern-Bossen, auch weil das Tapalovic-Aus den Eindruck erweckt, die Führungsetage verfolge den Plan Neuers Demission einleiten? „Die Verantwortlichen haben mir zugesichert, dass das nicht so ist. Ich habe meine Meinung gesagt – dass ich die Argumente nicht teilen kann – und ich hatte den Eindruck, das ist gut angekommen“, berichtet der Schlussmann.
Aber was bedeutet das für die Zukunft mit Nagelsmann? Konkret auf sein Verhältnis zu seinem Trainer angesprochen, kündigte der mehrmalige Welttorhüter eine professionelle Zusammenarbeit an. Nicht mehr, aber auch nicht weniger: „Wir haben offen gesprochen, er weiß, wie ich dazu stehe. Ich schütze unser Hab und Gut und werde mich niemals querstellen. Weil ich Teamplayer bin und als Kapitän eine besondere Verantwortung habe.“
Spätestens zu Beginn der Sommervorbereitung dürfte sich zeigen, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen dem 36-jährigen Neuer und den Verantwortlichen ist – und ob eine weitere Zusammenarbeit denkbar ist.