Das wilde Huhn greift an

von Redaktion

Goggia will auf den WM-Thron und geht – wie immer – volles Risiko

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Courchevel/Meribel – Es ist schon zweimal gut gegangen, hier bei der Ski-WM, für Sofia Goggia. Im Super-G der Kombination und im ersten Abfahrtstraining hat sie das Ziel erreicht. Dies bedarf besonderer Erwähnung, weil Goggia zwar fast immer die Schnellste ist, wenn sie unfallfrei unten ankommt, zumindest in der Abfahrt. Aber das schafft sie eben nicht immer.

Allein in dieser Saison halten sich die Pannen-Rennen mit den Wettkämpfen, in denen alles glattging, die Waage. In St. Moritz touchierte sie so vehement eine Torstange, dass sie sich die Hand brach. In St. Anton flog sie spektakulär von der Piste und zog sich ein paar Hautabschürfungen zu. In Cortina d’Ampezzo eine Woche später stürzte sie erneut, diesmal verletzte sie sich am rechten Bein und verzichtete deshalb auf das Rennen am nächsten Tag. Allerdings hätte sie die Blessur nicht davon abgehalten, schon eher die Tatsache, dass sie endlich einmal wieder zu einem Großereignis in einigermaßen fitten Zustand reisen wollte. „Mein Saisonziel ist die WM“, ließ sie wissen, denn Gold bei den Titelkämpfen fehlt ihr noch.

Nein, wehleidig ist Sofia Goggia nicht. Bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr holte sie mit angeknackstem Wadenbein Silber in der Abfahrt. Und zu behaupten, sie zelebriere ihre Verletzungen wie einst Lindsey Vonn, ist auch nicht ganz gerecht. Die Amerikanerin hatte kleinste Blessuren aufgeblasen, mit der Intention, am amerikanischen Heldenepos zu stricken, und war somit am Ende ihrer Karriere nur noch „Drama-Queen“ genannt geworden.

Drama gibt es bei Goggia allerdings auch, aber eben anders. Sie hält ihre geschwollene Hand in die Kamera, nachdem sie mal wieder mit Bestzeit im Ziel angekommen ist und sagt, es sei doch nur eine Hand. Sie beißt auf die Zähne, wie in Peking oder zuletzt St. Moritz. Da hatte sie sich noch am Abend die gebrochene Hand operieren lassen, um am nächsten Tag wieder am Start zu stehen – und die Abfahrt zu gewinnen. Für Goggia gehören Stürze und Verletzungen zu ihrer Karriere wie Siege und Medaillen.

Sie ist die Beste in der Abfahrt, ohne Frage, und auch beim WM-Super-G an diesem Mittwoch gehört sie zu den Medaillenkandidatinnen. Aber bei ihr, sagt die Deutsche Kira Weidle, „ist es immer ein Spiel mit dem Feuer“, ein Spiel mit dem Risiko, das die 30 Jahre alte Olympiasiegerin von 2018 selbst als „Goggia-Style“ bezeichnet. Sie wisse, sagte der italienische Frauen-Cheftrainer, dass sie Kontinuität bekommen müsse. „Und das bedeutet, nicht in jedem Rennen 105 Prozent zu riskieren. Denn 90 Prozent reichen oft auch.“ Nur umsetzen kann sie das nicht. Es scheint ohnehin schwer, diese Athletin einzufangen. „Manchmal macht sie lieber etwas Ausgefallenes“, sagte Rulfi, als Goggia kurz vor der WM für ein paar Tage nach Dubai reiste, um ein wenig den Kopf freizubekommen, wie sie wissen ließ. Laut „Gazzetta dello Sport“ war der Trip schon länger geplant gewesen, erhielt aber durch ihren Sturz in Cortina und der Absage des Rennens einen Tag später Brisanz. Diesen „Ausflug in die Wärme“, hielt Gianluca Rulfi zwar nicht für notwendig, „aber wenn sie es unbedingt machen will…“

Extravaganz und ein paar Extratouren sind das eine, das andere ist, dass sie ein Team um sich braucht, Kolleginnen, mit denen sie sich im Training messen kann. Deshalb kritisierte sie Federica Brignone, als diese sich vor der vergangenen Saison mit Bruder Davide von der Mannschaft separierte. „Das hat unsere Gruppe gespalten, und wo es eine Spaltung gibt, kann es keine Stärke geben“, sagte Goggia in der „Neuen Züricher Zeitung“.

Aber der Konflikt eskalierte erst, als die Mutter von Brignone, die frühere Slalomläuferin Maria Rosa Quario, Goggia öffentlich angriff und den Streit überhöhte. Nach der internen Klärung hat Quario ihren Posten als Sky-Expertin aufgegeben oder vielleicht auch aufgeben müssen, sie ist nur noch als Zuschauerin bei den Rennen. Außerdem kehrte Brignone ins Team zurück. Geschadet hat ihr das nicht, sie wurde am Montag Kombinationsweltmeisterin. Goggia startet zu ihrer Gold-Mission am Samstag in der Abfahrt. Sie muss nur unfallfrei ins Ziel kommen.

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