Schwachstelle links hinten

von Redaktion

Alphonso Davies sucht seine Form – noch aber ist Nagelsmann nicht nervös

München – Dass in München noch mal Lobhymnen auf einen rechten Außenverteidiger gesungen werden, war eigentlich so gut wie unvorstellbar. Denn der äußere Part der Viererkette galt seit dem Karriereende von Philipp Lahm und der Versetzung von Joshua Kimmich ins Mittelfeld traditionell als größte Schwachstelle in diesem Kader voller Stars. Der Mangel an Alternativen war enorm, sogar der Verlegenheits-Transfer von Alvaro Odriozola wurde einst als Coup verkauft, ähnlich wie jener von Bouna Sarr (aktuell in Reha). Benjamin Pavard half aus, obwohl er andere Präferenzen – und ehrlich gesagt: auch Qualitäten – hat. Und jetzt ist da halt einfach Joao Cancelo. Einer der Besten, die es in Europa auf diesen Posten gibt.

Die Kurzfassung des Lobes, das Julian Nagelsmann nach dem 4:2 in Wolfsburg für den Portugiesen übrig hatte: „Er ist ein Spieler, der uns guttut.“ Und als der Coach da philosophierte über „Kreativität“, „Flexibilität“, „Flanken mit beiden Füßen“ und „Verteidigen am zweiten Pfosten“, schlich sich relativ unbemerkt ein anderer Spieler in den Bus. Alphonso Davies, seines Zeichens pfeilschneller Außen-Spieler und Spaßvogel, wollte lieber nicht allzu sehr auffallen. Denn dann wäre womöglich noch mehr darüber gesprochen worden, dass der Tabellenführer ausgerechnet vor dem Start der wichtigen Saisonphase eine neue Schwachstelle hat: die links hinten.

Die Auftritte, die der Kanadier da in diesem Fußballjahr hingelegt hat, waren wirklich nicht allzu berauschend. Zwar gelang ihm in Wolfsburg ein Assist, als Einwechselspieler hatte er zudem zuvor in Mainz zum 4:0 getroffen. Und trotzdem erinnert aktuell wenig an den unbekümmerten Spieler, der im Trikot des FC Bayern seit seinem Wechsel vor vier Jahren regelmäßig verzückt hat. Das Wort „überspielt“ wollte Nagelsmann nicht in den Mund nehmen. Der Bayern-Trainer aber hat die durchwachsenen Leistungen seines Stammspielers durchaus zur Kenntnis genommen. Seine Erklärung: „Er will teilweise zu viel.“ Das allerdings läge vor allem daran, dass Davies „das Herz am rechten Fleck“ habe und „Dinge beeinflussen“ möchte: „Er will Gas geben und alles reinwerfen. Da verpasst er den richtigen Moment im Abspiel manchmal um einen Tick.“

Zuletzt war das mehr als „manchmal“ der Fall. Auch in Wolfsburg war Davies der Unsicherheitsfaktor. Hier mal einen hohen Ball unterschätzt, dort nur halbherzig geklärt – es ist schon auffällig, dass der 22-Jährige von seiner Normalform in dieser Nach-WM-Rückrunde entfernt ist. Nagelsmann nahm ihn bewusst in Schutz, sagte: „Es ist normal in dem Alter, dass du nicht gleichbleibend auf dem maximal hohen Niveau spielst, sondern auch eine kleine Phase hast, wo nicht alles gelingt.“ Und er sprach Davies Mut zu, indem er hinzufügte: „Es wird auch wieder anders werden.“ Am besten wäre es, wenn er damit am Samstag gegen Bochum beginnt – und am Dienstag in Paris weitermacht. Es sei denn, Cancelo steht da plötzlich auf seinem Posten. Denn der hat – auch das betonte Nagelsmann zuletzt nicht nur ein Mal – bei ManCity oft links hinten gespielt. hlr, bok

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